Merkels China-Reise

Grenzen aufzeigen – in aller Freundschaft

von Redaktion

KLAUS RIMPEL

China ist ein Staat, der seine Bürger mit „Sozialpunkten“ benotet – wer da an einem Abend in der Kneipe ein Bier zu viel bestellt, muss Nachteile bei Karriere oder Wohnungsvergabe fürchten. Auch deutsche Unternehmen, die in China aktiv sind, sollen künftig mit solch einem sozialen Punkte-System belegt werden. Das moderne China ist so erfolgreich wie gruselig. Die Gulags für muslimische Uiguren, der systematische Abbau der kläglichen Reste von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Hongkong: Es gibt viele Gründe, skeptisch auf die asiatische Supermacht zu blicken.

Doch es gibt auf der anderen Seite eben auch das gigantische Handelsvolumen von fast 100 Milliarden Euro allein im ersten Halbjahr 2019: Deutschlands Wirtschaft ist abhängig von guten Beziehungen zu China. Da US-Präsident Donald Trump die Chinesen, aber auch die Europäer immer tiefer in einen zerstörerischen Handelskrieg treibt, bietet sich für Deutschland eine Chance: Wo immer mehr Bereiche des Handels von den USA boykottiert werden, können deutsche Unternehmen ins Geschäft kommen. Angela Merkel wurde auch deshalb besonders freundschaftlich in Peking empfangen, weil das den Gegner Donald Trump ärgert.

Merkel ist erfahren genug im Umgang mit Unrechtsstaaten, dass sie sich nicht blenden lässt. Ihre Warnung vor einer militärischen Lösung in Hongkong stieß in Peking durchaus auf Gehör. Die Kanzlerin fand die richtige Sprache im Umgang mit der unheimlichen Supermacht: Klar die Grenzen aufzeigen – in aller Freundschaft.

Klaus.Rimpel@ovb.net

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