Özdemir kündigt Kandidatur an

Eine Frage der Macht-Statik

von Redaktion

MIKE SCHIER

Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Vorgang in einer Demokratie: Der ehemalige Grünen-Chef Cem Özdemir fordert im Team mit der weithin unbekannten Kirsten Kappert-Gonther die bisherige Fraktionsspitze Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter heraus. Schon lange haderten viele Abgeordnete mit den öffentlichen Auftritten Hofreiters und den internen Göring-Eckardts. Doch ihre Ablösung gestaltete sich aufgrund der doppelten Parität – linker und rechter Flügel sowie Mann und Frau – schwierig. Die für die Grünen ungewöhnliche Tandem-Kandidatur des ehrgeizigen Realos Özdemir ist deshalb ein strategisch extrem cleverer Zug.

Dennoch birgt das Vorgehen durchaus Risiken. Nicht zuletzt, weil am Ende die an der Basis durchaus beliebte Katrin Göring-Eckardt auf der Strecke bleiben könnte – und das ausgerechnet wenige Tage vor der wichtigen Wahl in ihrem Heimatland Thüringen. Dort käme es wohl gar nicht gut an, wenn eine Ostdeutsche von zwei Westdeutschen aus dem Amt gekegelt wird.

Doch innerhalb der Grünen geht es um ganz anderes: Mit dem Superstar-Status der Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck hat sich die Macht von der Fraktion in Richtung Partei verschoben. Traditionell war es genau anders herum. Angesichts der guten Umfragewerte und des wachsenden Machtanspruchs geht es intern natürlich längst darum, sich in Position zu bringen. Die Fraktion wird genau darauf achten, welche Kandidaten ihr die kraftvollste Stimme verleihen können.

Mike.Schier@ovb.net

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