Berlin – Unterschrieben haben sie in grüner Tinte, wie auch sonst: „Herzlich, Eure Kirsten und Euer Cem“. Ein zweiseitiges Bewerbungsschreiben soll das Comeback von Cem Özdemir einleiten, dem früheren Grünen-Chef, und ihn zusammen mit der bisher öffentlich recht unbekannten Kirsten Kappert-Gonther zurück an die Spitze der Partei bringen. Die beiden wollen Fraktionsvorsitzende im Bundestag werden – einen Platz, den die Amtsinhaber nicht freiwillig räumen. Für Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter ist die grüne Tinte eine Kampfansage. In gut zwei Wochen, am 24. September, wird gewählt.
Göring-Eckardt und Hofreiter sind seit sechs Jahren am Ruder, sie übernahmen die Fraktion nach der verkorksten Wahl 2013. Es gibt Kritik an den beiden – an ihrem Führungsstil, an seiner Außenwirkung. Ist es also Zeit für einen Personalwechsel? Ganz so einfach ist es nicht. Fragt man die Grünen, warum sie so gut dastehen, gibt es drei öffentliche Antworten: Grüne Themen sind der Renner, es braucht einen klaren Gegenpol zur AfD, die Parteichefs Robert Habeck und Annalena Baerbock ziehen. Dazu kommt oft noch eine hinter der Hand: „Und wir streiten uns nicht mehr dauernd.“
Göring-Eckardt und Hofreiter sind zwar auch Vertreter ihrer beiden Parteiflügel, vermeiden aber öffentlichen Zoff und kommen gut miteinander aus. Özdemir war als Bundesvorsitzender von 2008 bis 2018 Teil von Querelen, beharkte sich mit seiner Co-Vorsitzenden Simone Peter, mit Ex-Minister Jürgen Trittin, mit dem linken Parteiflügel insgesamt. Der Schwabe gehört zu den Oberrealos um Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Während Habeck und Baerbock die Mitte, den Ausgleich suchen, ist Özdemir einer, der polarisiert. Nur ein Beispiel: Gegen erheblichen Widerstand lud er den damaligen Daimler-Boss Dieter Zetsche, für viele Grüne ein echtes Feindbild, zum Parteitag ein.
Dass Özdemir noch Ehrgeiz hat, war kein Geheimnis. Als noch um eine Jamaika-Koalition von Union, FDP und Grünen gerungen wurde, sahen viele ihn schon als neuen Außenminister, er selbst wohl auch. Aber Jamaika platzte, und der ehemalige Parteichef und Spitzenkandidat fand sich als Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag politisch in der dritten Reihe wieder. Aus dem Rampenlicht geräumt, um Konkurrentin Göring-Eckardt nicht gefährlich zu werden?
So sahen es jedenfalls seine Anhänger, und halten das bis heute für den falschen Platz für einen der bekanntesten Grünen, dem vom Ministerpräsidentenamt in Baden-Württemberg bis zum Präsidentenposten seines Lieblingsvereins VfB Stuttgart alles zugetraut wird. Das Rampenlicht schuf Özdemir sich seitdem nach Kräften selbst, hielt sich auch ohne Amt noch lange in den Listen der beliebtesten Politiker.
Insider halten das Rennen für völlig offen. Auch, weil die Macht-Konstellation bei den Grünen so kompliziert ist. Özdemir konkurriert zwar mit Hofreiter um den Männer-Platz im Führungsduo, aber eben auch mit Göring-Eckardt um den Realo-Platz. Deshalb brauchte er eine Frau vom linken Flügel – keine einfache Suche. Geworden ist es Kirsten Kappert-Gonther (52), Ärztin aus Bremen, politisiert in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung, erst seit 2017 im Bundestag. Jetzt will sie in Özdemirs Windschatten in die erste Reihe. TERESA DAPP