Russland-Wahl mit viel Kritik

von Redaktion

Inmitten großer Unzufriedenheit der russischen Bevölkerung wird überall im Land gewählt – Ergebnisse erst heute

Moskau – Nach dem Ausschluss dutzender Oppositioneller haben Moskau und andere Regionen Russlands neue Volksvertreter gewählt. Beobachter sprachen am Sonntag bei teils geringer Wahlbeteiligung von zahlreichen Verstößen bei der Abstimmung in den 85 Regionen des Landes. Die Wahlen auf regionaler und kommunaler Ebene galten als wichtiger Stimmungstest für Kremlchef Wladimir Putin und die Regierungspartei Geeintes Russland. Die Kremlpartei wollte ihre Macht trotz schlechter Umfragewerte verteidigen. Aussagekräftige Ergebnisse werden erst am Montag erwartet.

Insgesamt waren 56 Millionen Wähler zur Stimmabgabe aufgerufen – das ist fast die Hälfte der Wahlberechtigten Russlands. Die Abstimmungen gelten auch als wichtiger Stimmungstest vor der Parlamentswahl 2021.

Oppositionelle wie Alexej Nawalny riefen zu einer Protestwahl gegen die Kremlpartei auf. Er empfahl eine „smarte Stimmabgabe“. Damit sollten gezielt andere Kandidaten als die der Kremlpartei gewählt werden. Die Bürger sollten alles wählen außer die regierende Partei, deren „Gauner und Diebe“ keine Konkurrenz zugelassen hätten, sagte auch die Moskauer Politikerin Ljubow Sobol am Sonntag im Wahllokal. Sobol, die zu Nawalnys Team gehört, war wie Dutzende andere Politiker wegen angeblicher Formfehler als Kandidatin nicht zugelassen.

Auch der nach 50 Tagen aus der Haft entlassene Oppositionelle Ilja Jaschin rief zur „smarten“ Abstimmung auf. Er veröffentliche bei Twitter ein Bild mit dem Kandidaten seiner Wahl. Der populäre Kommunalpolitiker hatte ebenfalls keine Registrierung erhalten. Jaschin musste zuletzt fünf Arreststrafen von jeweils zehn Tagen absitzen. Er nannte die Haft eine „Geiselnahme“, um ihn im Wahlkampf aus dem Verkehr zu ziehen. Die Justiz hatte ihm vorgeworfen, zu Massenprotesten aufgerufen zu haben.

Bei den Protesten kam es zuletzt zu massiver Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten. Tausende Menschen waren bei den Demonstrationen für freie Wahlen vorübergehend festgenommen worden. Am Samstag kamen die Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa und weitere Mitglieder der Punkband Pussy Riot vorübergehend in Gewahrsam. Sie wollten in der Stadt ein Banner mit der Aufschrift „Putin, geh von selbst!“ aufhängen.

Der Kremlchef gab in Moskau seine Stimme ab. Auf die Frage, ob er sich nicht mehr Vielfalt wünsche, sagte Putin bei der Stimmabgabe, dass nicht die Zahl der Kandidaten, sondern die Qualität ihrer Arbeit wichtig sei. Wie Interfax meldete, stimmte der Präsident für jemanden, den er selbst nicht kennt. „Aber ich hoffe, er ist ein guter und ordentlicher Mensch“, sagte Putin. Umfragen hatten für die Kremlpartei zuletzt massive Verluste vorhergesagt. Groß ist die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage im Land etwa wegen des Mangels an Arbeitsplätzen und wegen niedriger Löhne.

Beobachter der Menschenrechtsorganisation Golos berichteten von zahlreichen Manipulationsversuchen im ganzen Land. Auch andere Beobachter zeigten Verstöße an. So seien Mitarbeiter von Staatsbetrieben zur Abstimmung gezwungen und teils in Bussen an die Wahlurnen transportiert worden. Im Internet kursierten Fotos mit massenweise vorausgefüllten Stimmzetteln für Kandidaten der Kremlpartei. ULF MAUDER

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