Jeder, der einmal eine Gemeinderatssitzung besucht hat, weiß, dass auf lokaler Ebene die Parteigrenzen manchmal zerfließen. Die Mitglieder kennen sich oft von Kindesbeinen an, sind gemeinsam im Fußball- oder Trachtenverein. Und für die Einschätzung des Bauprojekts an der Bahnhofstraße ist oft wenig ausschlaggebend, ob man nun eher konservativ oder sozialdemokratisch tickt. Abstimmungen enden nicht selten einmütig.
Man kann sich also irgendwie vorstellen, wie das in Altenstadt-Waldsiedlung gelaufen ist, als man einen NPD-Funktionär zum Ortsvorsteher machte. Und trotzdem verschlägt einem die politische Unbedarftheit den Atem. Schließlich ist die NPD eine offen rechtsextreme, vom Verfassungsschutz beobachtete Partei. Die übrigen Gemeinderatsmitglieder gehören Parteien an, die mehrfach versucht haben, die NPD zu verbieten. Man fragt sich, ob der Rat andere Themen auch so blauäugig angeht.
Die haarsträubende Geschichte wirft ein Schlaglicht auf grundsätzliche Probleme. Zum einen die schwierige Suche nach Menschen, die sich politisch engagieren und zugleich den Herausforderungen der modernen Welt gewachsen sind. Der NPD-Mann qualifizierte sich schon für den Job als Ortsvorsteher, weil er E-Mails verschicken kann! Zum anderen zeigt der Vorgang, wie schnell sich Extreme in die Mitte der Gesellschaft schleichen, wenn sie den Kümmerer geben. Das ist eine Warnung an alle.
Mike.Schier@ovb.net