München – Wie lange die Europawahl schon wieder vorbei ist, das ließ sich zuletzt sehr schön an Ex-EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber beobachten. Der trat beim Gillamoos in Abensberg vor einer Woche radikal typverändert auf, nämlich mit rauschigem Vollbart. Manche lasen da einen Akt der Traumabewältigung hinein. Auf jeden Fall war es eine Art, Distanz zum EU-Zirkus zu zeigen nach dem Motto: Die Arbeit haben jetzt erst mal andere.
Kann man so sagen. Die neue Kommissionschefin Ursula von der Leyen ist zwar noch nicht im Amt, bastelt aber fleißig an ihrer neuen Truppe. Sie wolle ein „ausbalanciertes Kollegium“, kündigte sie via Twitter an. Inzwischen ist klar, was sie damit meinte. Wie gestern bekannt wurde, wird die neue Kommission wohl nahezu paritätisch besetzt sein: 13 Frauen (inklusive der Chefin) und 14 Männer. Im Vergleich zum Vorgänger-Team um Jean-Claude Juncker (neun Frauen, 19 Männer) ist das schon mal ein Fortschritt.
Politische Schwergewichte sind unter den 27 nominierten Kommissionsmitgliedern nur wenige zu finden. Zu ihnen gehören auf jeden Fall der niederländische Sozialdemokrat Frans Timmermans und die dänische Liberale Margrethe Vestager, die sich beide selbst Chancen auf den Chefsessel in Brüssel ausgerechnet hatten. Sie sollen von der Leyens Stellvertreter werden. Auch Josep Borrell, Sozialdemokrat und bisher Spaniens Außenminister, gehört in diese Runde. Er ist für den Posten des EU-Außenbeauftragten nominiert.
Welche Ressorts der Großteil der Kandidaten übernehmen wird, will von der Leyen eigentlich erst heute bekannt geben. In Brüssel kursiert allerdings seit Tagen eine Liste mit Zuständigkeiten. Glaubt man ihr, dann soll der österreichische Konservative Johannes Hahn (bisher EU-Erweiterungskommissar) künftig für Migration und Inneres zuständig sein. „Der Standard“ berichtet indes, Hahn solle die Nachfolge von Günther Oettinger als Haushaltskommissar übernehmen. Er hätte damit eine Schlüsselrolle beim EU-Budget inne.
Der Brüsseler Liste zufolge ist aber der belgische Liberale Didier Reynders für das Haushaltsressort vorgesehen. Nachfolgerin von Margrethe Vestager als Wettbewerbskommissarin soll demnach die Französin Sylvie Goulard werden. Die Liberale war 2017 unter Emmanuel Macron Verteidigungsministerin, bis sie nach nur einem Monat wegen Scheinbeschäftigungsvorwürfen gegen ihre Partei zurücktrat. Einen echten Akzent würde von der Leyen zudem mit der Bestellung eines Kommissars für Verteidigung setzen. Der Liste zufolge wäre das der Konservative Margaritis Schinas aus Griechenland.
Noch handelt es sich bei den Genannten nur um Nominierte, die sich ab Ende September im Europaparlament vorstellen sollen. Das kann am Ende zwar nur über die Kommission als Ganze befinden, allerdings mussten in der Vergangenheit schon einzelne Kandidaten ausgetauscht werden, weil sie im Parlament keinen Zuspruch fanden.
Vorbehalte gibt es diesmal vor allem gegen die Nominierten aus Ungarn, Polen und Rumänien. Der ehemalige ungarische Justizminister Laszlo Trocsanyi gilt als Orbán-hörig und steht in der Kritik, weil er eine umstrittene und inzwischen gestoppte Justizreform mitgetragen hat. Er soll laut Liste für humanitäre Hilfe zuständig sein. Gegen den polnischen Kandidaten (und möglichen Agrar-Kommissar) Janusz Wojciechowski ermittelt die europäische Anti-Betrugs-Behörde Olaf wegen womöglich falscher Reiseabrechnungen. Und die von Rumänien nominierte Rovana Plumb sieht sich Korruptionsvorwürfen ausgesetzt.
Ganz konfliktfrei dürfte die Bildung einer neuen Kommission also nicht ablaufen, aber bis zum 1. November ist ja noch etwas Zeit. Dann soll die Kommission von der Leyen ihre Arbeit aufnehmen. Manfred Webers Bart dürfte bis dahin noch ein Stück imposanter geworden sein.