München – Einmal, da riss sich Josep Borrell das Mikro vom Hemd und stürmte aus dem Studio. Der Interviewer von der Deutschen Welle hatte ihn gerade mit unbequemen Fragen zu Katalonien traktiert, Spaniens Außenminister fand wohl: zu sehr. Seine Berater mussten viel Überzeugungsarbeit leisten, bis Borrell zurückkehrte. Zähneknirschend, vermutlich.
Borrell ist 72, ein alter Polit-Hase, aber Altersmilde wird man ihm nicht unterstellen können. Er gilt als Überzeugungstäter und Gegner jeglicher Spaltungstendenzen, ob in Spanien oder Europa. Wegen seiner harten Haltung in der Katalonien-Frage ist er für manche in seiner Heimat – er selbst ist Katalane – eine Persona non grata. Aber der unbedingte Wille zum Zusammenhalt könnte ihm in seinem neuen Job nützlich sein.
Der Sozialist wird neuer Außenbeauftragter der EU und besetzt damit eine der wichtigsten Stellen, die die künftige Kommissionschefin Ursula von der Leyen zu vergeben hat. Es ist keine leichte Aufgabe, vor der er steht. Die aktuelle Außenbeauftragte Federica Mogherini flog zwar als EU-Maskottchen rund um die Welt, hat aber außer weitgehender Sichtbarkeit kaum Erfolge vorzuweisen. Der Atom-Deal mit dem Iran, einst ein Brüsseler Prestige-Projekt, liegt in Trümmern. Bei wichtigen Fragen wie der Positionierung im venezolanischen Machtkampf konnte sie keine gemeinsame EU-Position schmieden. Dass Brüssel angesichts der Machtspiele zwischen den USA, Russland und China wie ein Zuschauer wirkt, kommt noch hinzu.
Das ist nicht Mogherinis Schuld alleine, sondern auch Fluch des Amtes. Denn das klingt zwar groß, der Außenbeauftragte verfügt aber nur über wenig Spielraum. Borrell, promovierter Ökonom mit jahrzehntelanger politischer Erfahrung, lässt sich davon nicht abschrecken. „Wir leben in einer Welt der Riesen, und wenn wir kein Mindestmaß an Größe haben, werden wir in die Irrelevanz fallen“, sagte er unlängst mit Blick auf die alten und neuen Großmächte.
Die müssen sich auf einen Charakter einstellen, der klare Worte mag und immer mal wieder für kontroverse Äußerungen zu haben ist. Den USA warf Borrell im Venezuela-Konflikt etwa „Cowboy“-Diplomatie vor, Russland bezeichnete er mal als „alten Feind“. Und die Sitzungen der EU-Außenminister nannte er „eher ein Tal der Tränen als ein Entscheidungszentrum“. Die Handlungsfähigkeit sei einfach zu gering.
Diplomatisch ist anders. Ob er dem Amt trotzdem mehr Gewicht geben kann? Das ist die große Frage. Die neue Kommissionschefin scheint aber gewillt, ihn nach Kräften zu unterstützen, schließlich hat sie mehrfach betont, dass die EU mehr Gewicht in der Welt brauche. Außerdem hoffen manche auf einen neuen Stil. Die Mogherini-Beraterin Nathalie Tocci äußerte in der „New York Times“ die Erwartung, dass Borrell weniger reisen, sich dafür aber auf wichtige Themen fokussieren und am Ende „effektiver“ als seine Vorgängerin sein könnte. Ein Schwerpunkt dürfte der EU-Grenzschutz sein.
Zwar gilt Borrell als gesetzt. Vor seinem Amtsantritt muss er sich aber – wie die anderen Kommissare auch – noch den Fragen der EU-Parlamentarier stellen. Die dürfte etwa das Jahr 2012 interessieren, als der Spanier seinen Posten als Präsident des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz abgab. Hintergrund war eine gut dotierte Aufsichtsratstätigkeit beim Energiekonzern Abengoa, die er verschwiegen hatte. Klingt unangenehm für Borrell. Er wird sich trotzdem mehr beherrschen müssen als beim Deutsche-Welle-Interview.