Veto-Drohung im Brexit-Streit

Macron auf den Spuren de Gaulles

von Redaktion

ALEXANDER WEBER

Wiederholt sich Geschichte? Zwei Mal stellten die Briten in den 60er-Jahren Beitrittsgesuche zur Europäischen Gemeinschaft, beide Male war es der französische Präsident, an dessen Veto der Versuch scheiterte. Charles de Gaulle fand damals, die Briten seien, kurz gesagt, in Kultur und geostrategischer Ausrichtung komplett anders und passten einfach nicht in den EG-Club. In Wahrheit befürchtete de Gaulle, Frankreichs Gewicht in Europa würde geschmälert, falls Großbritannien beitrete. Der wolle lieber „der Hahn auf einem kleinen Misthaufen sein, statt zwei Hähne auf einem größeren zu akzeptieren“, schimpfte der damalige Premierminister Harold Macmillan über den General in Paris.

Heute, fast 60 Jahre später, nimmt Frankreich im britisch-europäischen Beziehungsgeflecht wieder eine Schlüsselrolle ein. Präsident Emmanuel Macron droht im Brexit-Streit mit einem Veto gegen eine erneute Austritts-Vertagung. In der Sache hat Macron recht: Premier Boris Johnson ist bisher jeden konkreten Lösungsvorschlag – etwa in der irischen Grenzfrage – schuldig geblieben. Zudem sucht das Chaos in London mit den außer Rand und Band geratenen Tories seinesgleichen. Dies könnte Macron zum Anlass nehmen, notfalls den harten Brexit herbeizuführen. Frankreichs Rolle in der EU wäre ohne Briten, ganz im Sinne de Gaulles, gestärkt. Dann würde aber wohl nicht nur Boris Johnson als Brexit-Schurke ins Gedächtnis Europas eingehen, sondern auch der ehrgeizige Franzose. Will Macron mit diesem historischen Makel leben?

Alexander.Weber@ovb.net

Artikel 1 von 11