Greding – Kurz bevor es ernst wird, sammelt sich in einer Ecke des Gredinger Hippodroms ein unruhiges Grüppchen: Katrin Ebner-Steiner ist dabei, ihr Landtagskollege Christoph Maier und der Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller. Sie stehen zusammen wie ein Fußballteam vor dem Elfmeterschießen, lautes Flüstern – wenig später lassen sie eine Bombe platzen.
Bis zuletzt beraten die Anhänger des rechtsnationalen „Flügels“, wen sie ins Rennen um den AfD-Vorsitz schicken. Am Ende steht Ebner-Steiner, 41, auf der Bühne und sagt: „Ihr seid sicher erstaunt, dass ich hier oben bin.“ Eigentlich hatte die Chefin der Landtagsfraktion eine Kandidatur im Mai ausgeschlossen. Jetzt sagt sie: „Die Partei droht zu zerreißen.“ Sie wolle sie einen.
Dass der „Flügel“ beim Parteitag im mittelfränkischen Greding versuchen würde, den tief zerstrittenen Landesverband an sich zu ziehen, hatten viele im Vorfeld erwartet. Dass Ebner-Steiner kandidieren würde, eher nicht. Nicht wenige lasten die Zerstrittenheit in Partei und Fraktion auch ihr an – trotzdem ist es am Ende knapp. Nach einer polternden Bewerbungsrede gewinnt sie den ersten Wahlgang, muss sich aber in der Stichwahl der 36-jährigen Bundestagsabgeordneten Corinna Miazga aus Straubing mit 305 zu 216 Stimmen geschlagen geben.
Das könnte eine kluge Entscheidung sein, Miazga ist sowohl „Flügel“-Leuten als auch den vergleichsweise Gemäßigten in der AfD vermittelbar. Nun muss sie zwischen den verfeindeten Gruppen vermitteln.
Das dürfte schwer werden, denn der Riss, der durch die Partei geht, ist tief. Vor der Wahl in Greding werfen sich beide Seiten unlautere Methoden vor. Der „Flügel“, heißt es, soll Anhänger von außerhalb Bayerns in Bussen herangeschafft haben. Die dürfen zwar nicht wählen, aber Stimmung machen. Als Ebner-Steiner spricht, bricht wilder Applaus los, manche skandieren (in teils hörbarem Ostdeutsch): „Katrin, Katrin“. Der bisherige AfD-Chef Martin Sichert, der mit der Niederbayerin über Kreuz ist, wird ausgebuht.
Dabei versuchen beide, mit derben Bewerbungsreden zu punkten. Ebner-Steiner will den „Saustall der Altparteien durchspülen“, schließlich sei man die „neue Volkspartei“ und „Nachfolgepartei der verbrauchten CSU“. Sichert, von Beginn an angeschlagen, schießt noch wilder um sich. Er nennt die CSU-Politiker Markus Söder und Horst Seehofer (beide CSU) „Huren der bayerischen Politik“.
Ganz anders Corinna Miazga. Sie erwähnt zwar ihren „großen schwarzen Schäferhund“, gibt sich aber sonst als besonnener Gegenentwurf. „Ihr bepöbelt euch, ihr bekriegt euch in der Öffentlichkeit“, sagt sie über die Parteifreunde. Nicht das Programm oder die Inhalte seien das Problem, sondern die Außenwirkung. „Wir müssen an unserem Image arbeiten.“
Als die Entscheidung gefallen ist, steht Miazga genau dort, wo sich zuvor die „Flügel“-Leute versammelt hatten. Sie sei „ein bisschen überwältigt“, sagt sie. Eigentlich habe sie „keine Ambitionen“ auf das Amt gehabt, aber vor einer Woche doch entschieden, anzutreten. Vertreter aller Richtungen in der AfD hätten sie darum gebeten. „Ich bin nicht von einem Flügel getragen, sondern von allen.“
Was versöhnlich klingt, ist nur die halbe Wahrheit: Die gebürtige Oldenburgerin hat im Jahr 2015 die „Erfurter Resolution“ unterzeichnet, die als Gründungsdokument des „Flügels“ um den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke gilt. Sie bekennt sich auch jetzt noch dazu. Inhaltlich steht Miazga zudem für einen straffen Anti-Establishment- und Anti-Islam-Kurs. Für den abgewählten Sichert gilt all das auch.
Bayerns AfD-Spitze bleibt also mindestens so rechts wie bisher, zumal Miazga mit Hansjörg Müller aus Ainring einen weiteren „Flügel“-Mann als Vize zur Seite hat. Zweiter und dritter Stellvertreter werden die Landtagsabgeordneten Gerd Mannes und Martin Böhm.
Die neue Parteichefin sagt, es sei nun das erste Ziel, die Bayern-AfD zu „befrieden“. Manche hoffen, dass das auch für die Fraktion gilt. „Mit Miazga bin ich sehr zufrieden“, erklärt einer aus dem eher gemäßigten Lager. Wegen der „persönlichen Probleme“ der beiden Damen müsse nun auch Katrin Ebner-Steiner in der Fraktion Leistung zeigen und könne nicht ihre „Spielchen“ weitertreiben.
Zwar sagte Ebner-Steiner unserer Zeitung, sie wolle mit Miazga „kollegial und kooperativ zusammenarbeiten“. Tatsächlich aber sind sich die beiden seit der Listenaufstellung zur Bundestagswahl 2017 nicht ganz grün. Als es um einen aussichtsreichen Platz in Niederbayern ging, kam Ebner-Steiner überraschend nicht mal in die Stichwahl. Auch damals gewann: Corinna Miazga.