MIKE SCHIER
Als die Nachricht von der Attacke auf die saudische Ölfabrik Abkaik die Runde machte, gewährte Donald Trump auf Twitter einen erstaunlichen Einblick: Der US-Präsident erklärte, er warte jetzt erst einmal auf die Ermittlungsergebnisse des saudischen Königreichs – und auf dessen Plan, wie weiter vorzugehen sei. Die USA, gerade in den Augen Trumps die mächtigste und großartigste Nation überhaupt, wollten sich also vom kleineren Partner die Richtung diktieren lassen. Erstaunlich. Und es drängt sich geradezu die Frage auf, ob sich der US-Präsident bei Verbündeten wie EU oder Nato genauso verhalten hätte.
Die enge Bindung zwischen Washington und Riad hat Tradition, doch die Trump-Administration treibt die Verbrüderung mit dem absolutistischen Regime auf die Spitze. Es geht um Macht. Und um Geld. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner pflegt geradezu freundschaftliche Kontakte zum Kronprinzen Muhammad bin Salman, dem auch der verstörend kaltblütige Mord am Journalisten Jamal Khashoggi nichts anhaben konnte. Das rücksichtslose saudische Vorgehen gegen die Huthi-Rebellen im Jemen wird sogar nicht nur von den USA, sondern der ganzen westlichen Welt erstaunlich teilnahmslos hingenommen. Längst hat sich der regionale Konflikt zum Stellvertreterkrieg mit dem Iran ausgewachsen.
Sicher: Bei der Beurteilung möglicher „Partner“ im Nahen Osten darf man nicht immer westliche Menschenrechtsstandards zum Maßstab erheben. Doch Trumps Einteilung in Gut (Riad) und Böse (Teheran) erscheint geradezu naiv. Beide Lager verfolgen knallhart machtpolitische und religiöse Interessen. Washington ist schlecht beraten, sich ausschließlich auf eine Seite zu schlagen.
Mike.Schier@ovb.net