Die SPD berauscht sich an sich selbst

von Redaktion

Halbzeit im Kandidaten-Rennen: Scholz hält sich bedeckt – Walter-Borjans streichelt Parteiseele

Berlin – Zum Start der zweiten Halbzeit zeigt die Deutschlandtour der SPD-Kandidaten: Die Suche nach neuen Vorsitzenden kann unerwartete Ergebnisse bringen. So erscheint das Rennen auch für das politische Schwergewicht unter den Bewerbern, Finanzminister Olaf Scholz, und seine Teampartnerin Klara Geywitz noch völlig offen – zumindest gemessen an den Reaktionen bei der Hälfte der 23 Regionalkonferenzen.

Noch bis 12. Oktober touren die Kandidatenduos – sieben sind es noch – durch Deutschland. Im Willy-Brandt-Haus gibt man sich euphorisch über die Wirkung der Castingtour. So wartet der kommissarische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel bei der exakt in der Tourmitte platzierten Veranstaltung in der überfüllten Parteizentrale mit Zahlen auf: Überall seien die Veranstaltungen voll gewesen, 7500 Besucher – 226 000 im Livestream. Rund 3500 Eintritte verzeichnete die SPD seit Juli.

Tatsächlich scheint das Verfahren eine Sehnsucht in der Partei zu befriedigen – nach Mitreden, ordentlichem Umgang und Selbstvergewisserung. Kaum ein Kandidatenteam, das nicht betont, wie wichtig Solidarität sei. Passend zu diesen Befindlichkeiten stehen ursozialdemokratische Themen wie faire Löhne, gerechtes Steuersystem oder bezahlbare Wohnungen im Vordergrund. Der Klimaschutz, in Zeiten von Fridays for Future in aller Munde, spielt nicht die zentrale Rolle. Der Aufwand fürs Casting ist gigantisch und es ist für Überraschungen gut. Nicht geahnt hätten selbst Parteistrategen noch vor einigen Wochen manche Konstellationen.

Am auffälligsten ist, dass der ehemalige nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans mit seiner Teampartnerin Saskia Esken zu den schärfsten Konkurrenten von Scholz und seiner Mitstreiterin Geywitz avancieren. Walter-Borjans, durch dessen Ankauf von Steuer-CDs mehr als sieben Milliarden Euro Nachzahlungen an den Staat flossen, streichelt die Seele der Partei. Nicht erst mit der Großen Koalition hätten die Probleme der SPD begonnen, meint er. Schon viel früher hätten Lobbyisten und Berater die SPD dazu gebracht, „in die neoliberale Pampa abzubiegen“, sagt er unter Applaus. Den Juso-Vorstand hat das Duo bereits auf ihrer Seite.

Scholz bläst dagegen oft der Wind ins Gesicht. Das geht seit dem Tourstart vor zwei Wochen so, als ein Mann fragte, wie jemand glaubwürdig seine Kandidatur erklären könne, „der uns in dieses Tal der Tränen geführt hat“. Zur Halbzeit wird er gefragt, was er, der Vizekanzler und Minister, machen würde, wenn die Basis Nein zur Fortsetzung der GroKo sagen würden. „Ich bin seit meinem 17. Lebensjahr Sozialdemokrat“, hebt Scholz an und verweist darauf, dass auf dem Parteitag im Dezember darüber befunden wird.

Auffällig ist, wie sehr sich der prominenteste Kandidat zurückhält. Oft lässt Scholz Geywitz den Vortritt, wenn beide als Team gefragt werden. Die Brandenburgerin ist es, die mit am schärfsten die frühere Hinterzimmerpolitik der SPD kritisiert. „Ich will nie wieder aus der Zeitung erfahren, wer unser nächster Kanzlerkandidat ist“, wettert sie, „die Zeit der Hinterzimmermänner muss vorbei sein.“ B. WEGENER/S. KRUSE

Die Favoriten und ihre Perspektiven

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