Vatikanstadt – Es ist gar nicht so lange her, da erschien es altgedienten Vatikanisten plausibel, dass noch einmal ein Erzbischof von München und Freising den Stuhl Petri besteigen könnte. Kardinal Reinhard Marx wurde unter die „Papabili“, die möglichen Anwärter auf eine künftige Franziskus-Nachfolge, gereiht. Als „Alter Ego“ des Pontifex aus Argentinien wurde er bezeichnet, der in seiner freimütigen Art das aussprach, was der Papst insgeheim dachte.
Aus heutiger Sicht ist das eine Ewigkeit her: In der römischen Kurie, bis nach ganz oben, herrscht zunehmend Kopfschütteln, ja Verärgerung über den Chef der Deutschen Bischofskonferenz. Aktueller Anlass ist dessen Agieren im Konflikt mit Rom um den „Synodalen Weg“. Vordergründig geht es um kirchenrechtliche Regularien; doch das Zerwürfnis geht tiefer. „Marx hat es sich inzwischen mit so ziemlich allen wichtigen Leuten der Kurie verdorben“, berichtet ein Insider. „Im Vatikan hat er kaum noch Freunde.“
Das liege nicht nur an den oft unabgestimmten Vorstößen des Münchner Kardinals; es gehe auch um seine persönliche Art. „Das forsche Motto ,Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen’, das läuft hier einfach nicht. Damit erreicht man höchstens das Gegenteil.“ In der Kurie werden Konflikte in der Regel mit feinem Florett ausgetragen. Der Umgangston ist stets höflich und diplomatisch. Marx hingegen schwingt rhetorisch gern mal den schweren Säbel. In Rom gilt er als unbeherrscht und aufbrausend.
Die Beschwerden häufen sich. Etwa vom Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria. Nach einem Disput mit Marx, bei dem es wohl mächtig laut wurde, soll der Oberste Glaubenshüter seinen Mitarbeitern unter Tränen geklagt haben: „Ich bin noch nie in meinem Leben so angebrüllt worden.“ Dass sich der Münchner Kardinal schon mal im Ton vergreift, sei auch dem Papst aufgefallen, berichtet dessen Umfeld. Als Anmaßung empfindet man den Antwortbrief, den Marx vor wenigen Tagen an den Präfekten für die Bischöfe, Kardinal Marc Ouellet richtete. Darin kontert er dessen Zweifel am rechtlichen Rahmen des „Synodalen Wegs“ der deutschen Kirche. Den Kurienkardinal lässt er dabei ziemlich dumm dastehen: „Vielleicht wäre ein Gespräch vor Versendung dieser Schriftstücke hilfreich gewesen. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte auf ihrer Frühjahrs-Vollversammlung ohne Gegenstimmen entschieden, einen Synodalen Weg zu beschreiten und dafür keine der im kanonischen Recht vorgesehenen Formen einer Synode zu wählen. Sie wissen das aus unseren Protokollen“, schreibt Marx. Der Satzungsentwurf könne folglich keinesfalls „durch die Brille kirchenrechtlich verfasster Instrumente“ interpretiert werden. Genau daran zweifelt der Vatikan.
„Von Verfasstheit, Art und Zielen her handelt es sich klar um eine Synode“, schimpft man in der zuständigen Kongregation. „Alles andere ist Verbaltrickserei.“ Marx schüre in Deutschland „quasi unerfüllbare Erwartungen“, den „schwarzen Peter“ reiche er anschließend nach Rom weiter.
Kardinal Marx ist in diesen Tagen zu Beratungen in Rom. Heute wird er auch Ouellet treffen. Leise Töne wolle er anschlagen, so heißt es, Missverständnisse ausräumen und auf die Kraft der Argumente setzen. Für den Vorsitzenden der Bischofskonferenz wird es ein schwieriger Spagat: Den Synodalen Weg retten und einen deutschen Sonderweg ausschließen.
INGO-MICHAEL FETH