Benjamin Netanjahu und sein Herausforderer Benny Gantz gehen gleich stark aus den Wahlen in Israel hervor. Das klingt nach Patt, ist aber in Wahrheit eine Niederlage für den Ministerpräsidenten. Mit einem ähnlichen Ergebnis hat er schon im April kein Bündnis auf die Beine stellen können, diesmal ist nicht mal sicher, ob er den Auftrag zur Regierungsbildung erhält. Womöglich ist es der Anfang vom Ende seiner politischen Laufbahn.
Darin liegt eine große Chance für Israel. Denn Netanjahu hat sich selbst – aus Angst um seine Wiederwahl – und dem Land bei vielen Themen (Iran, Palästinenserfrage) die Bewegungsfreiheit geraubt. Mehrfach standen Präventivschläge gegen Teheran im Raum. Die einseitigen Entscheidungen zulasten der Zwei-Staaten-Lösung garnierte der Regierungschef vergangene Woche mit der Ankündigung, bei einem Wahlsieg Teile des Westjordanlands zu annektieren. Er polarisierte die Gesellschaft, um bei rechten Wählern zu punkten – und hinterlässt nun ein gespaltenes Land.
Ex-Verteidigungsminister Avigdor Lieberman könnte jetzt zum Königsmacher werden. Zwar steht auch er für eine harte Linie in Sicherheitsfragen. Aber sollte er in eine Regierung mit Benny Gantz an der Spitze eintreten, läge darin ein Gesprächsangebot an alle, für die Netanjahu als Dialogpartner verbrannt ist. Lieberman und Gantz wollen mit dem Likud regieren, aber ohne dessen Parteichef. Wenn Netanjahu Größe hat, macht er den Weg frei.
Marcus.Maeckler@ovb.net