In der Schicksalsfrage des Vereinigten Königreiches – Brexit, neues Referendum oder EU-Verbleib – gibt Oppositionsführer Jeremy Corbyn den Hamlet. Hin- und hergerissen zwischen seiner persönlichen Haltung (sehr EU-kritisch) und der Stimmung des proeuropäischen Flügels der Labour-Partei, lässt er seit der Volksabstimmung 2016 jede Chance ungenutzt, die Vorteile des britischen Mehrheitswahlrechts für die Labour-Partei zu nutzen: Klare Alternativen ergeben klare Mehrheiten.
Stattdessen laviert der Altlinke mit – zumindest in dieser historischen Situation – sozialen Randthemen, um sich vor der Antwort auf die Kernfrage zu drücken. Folge: Den klaren Gegenpol zur Brexit-Geisterfahrt von Boris Johnson bezieht vor allem die liberale Partei. Sie profitiert, wie Umfragen zeigen, doppelt: Ihr laufen pro-europäische Tory-Anhänger ebenso zu wie frustrierte Labour-Fans, die dem Wackelkurs Corbyns nicht folgen wollen. Dieses dop- pelte Führungsversagen des Labour-Chefs spiegelt sich in seinem persönlichen Ansehen wider: An einen derart unbeliebten Oppositionsführer erinnert man sich in Großbritannien seit Jahrzehnten nicht. Dieses Manko war auch der Hauptgrund, warum Corbyn Premierminister Johnson im Unterhaus nicht durch ein Misstrauensvotum herausforderte. Das Parlament nutzte also seine Chancen nicht. Genau dies führte der Regierungsanwalt vor dem Obersten Gerichtshof im Verfahren um die Zwangspause genüsslich als Argument an, warum von der Beschneidung der Abgeordneten-Rechte keine Rede sein könne.
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