New York – Greta Thunberg hat Tränen in den Augen, ihre Stimme ist brüchig. „Wie könnt Ihr es wagen!“, schleudert die 16-jährige Schwedin den Dutzenden Staats- und Regierungschefs in der voll besetzten Halle der UN-Vollversammlung mehrfach entgegen. „Ich sollte hier nicht sein, ich sollte zurück in der Schule sein auf der anderen Seite des Ozeans.“ Thunberg sitzt vor den Mächtigen der Welt, Männer und Frauen wie Kanzlerin Angela Merkel – vier Mal so alt wie die Klimaaktivistin. Und die liest ihnen beim UN-Klimagipfels in New York die Leviten, wie es auf dieser Bühne wohl noch nie geschehen ist.
Die Schülerin ruft den Mächtigen entgegen, sie seien „nicht reif genug“ für die Wahrheit: „Wie konntet Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit Euren leeren Worten?“ Immer wieder brandet Applaus auf von denen, die Thunberg gerade angreift. Ihre Worte sind kaum verklungen, da öffnet sich die Tür und der Überraschungsgast des Tages tritt in den Saal: Donald Trump, der den Klimawandel immer wieder infrage stellt, setzt sich. Pünktlich zur Rede von Merkel ist er da.
Thunberg hatte das Podium da schon verlassen. Ein Video, das sich online viral verbreitete und von mehreren TV-Sendern verbreitet wurde, zeigte den kurzen Moment, in dem sich die Wege der Schwedin und des Präsidenten außerhalb des Saals kreuzten. Während Trump in Richtung Halle geht und keine Notiz von Thunberg zu nehmen scheint, schaut diese ihm mit ernster Miene hinterher.
Trump hatte ursprünglich gar nicht geplant, den Klimagipfel zu besuchen. Er bleibt auch nur für eine knappe Viertelstunde.
Während andere Nationen ihre Staats- und Regierungschefs für den UN-Klimagipfel aufbieten, sollte die US-Delegation von einer stellvertretenden Abteilungsleiterin im Außenministerium angeführt werden. Die niedrig rangige Besetzung verwundert nicht: Trump hat sich mehrfach skeptisch dazu geäußert, ob es den Klimawandel überhaupt gibt und falls ja, ob er vom Menschen verursacht ist. Die USA – einen der größten Verursacher von Treibhausgasen – hat Trump aus dem internationalen Pariser Klimaschutzabkommen zurückgezogen.
Es ist, als ob Merkel genau Trump meint, als sie beim Gipfelauftakt ihren Kolleginnen ins Gewissen redet: „Es gibt keinen Zweifel, dass der Klimawandel, die Erderwärmung im Wesentlichen von Menschen gemacht ist.“ Den Namen des US-Präsidenten spricht sie nicht aus. Die Erderwärmung sei „eine globale Herausforderung, die nur gemeinsam bewältigt werden kann, denn wir haben alle nur eine Erde“, mahnt Merkel eindringlich. Trump mit seinem Kurs des Protektionismus gilt als Gegner solcher multilateraler Lösungen.
Gleich zu Beginn ihrer kurzen Ansprache nimmt die Kanzlerin die leidenschaftlichen Worte Thunbergs auf und sagt: „Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört.“ Merkel ist beeindruckt davon, wie zielstrebig Thunberg ihre Ziele verfolgt. Das Drängen der jungen Menschen habe vieles vorangebracht auch in Deutschland, glaubt die Kanzlerin. In ihrer vierten und letzten Amtszeit ist Merkel bemüht, wieder zu ihrem früheren Image der Klimakanzlerin zurückzufinden – und das Image einer Kanzlerin der Migrationskrise hinter sich zu lassen.