Paris – Er durchlief die Eliteschulen Frankreichs, nahm am Algerien-Krieg teil, war 18 Jahre Bürgermeister von Paris, zweimal Premierminister und 12 Jahre Präsident der „Grande Nation“. Doch persönlich blieb Jacques Chirac stets bodenständig, volksnah und bescheiden. So zog er deftiges Essen der Sterne-Küche vor (was Helmut Kohl der Saumagen, war Chirac der Kalbskopf als Leib- und Magenspeise), trank Bier statt Wein, begeisterte sich für Sumo-Ringen und tummelte sich lieber auf Landwirtschaftsmessen als auf den roten Teppichen dieser Welt.
Die Treue zu den Bauern behielt er auch im höchsten Staatsamt. Legendär (und bei vielen europäischen Regierungsvertretern bis heute in schrecklicher Erinnerung) war sein Beharren auf den Agrarsubventionen im EU-Haushalt, von denen vor allem Frankreichs Landwirte profitierten. Den britischen Premier Tony Blair brachte er zum Kochen. Obwohl Chirac sich in seiner politischen Karriere nicht umsonst den Spitznamen „Bulldozer“ erarbeitet hatte, blieb er innenpolitisch mit seinen Reformversuchen wenig erfolgreich. Wegen massiver Widerstände der Straße zog er seine Pläne immer wieder zurück. Der Soziologe Alain Touraine warf ihm vor, innenpolitisch zwischen liberalen Zielen und sozialen Rücksichten zu schwanken „wie zwischen Camembert und Schinken“. Diese mangelhafte Kraft zu durchgreifenden Veränderungen kam Frankreich letztlich teuer zu stehen. Als Chirac 2003 im engen Schulterschluss mit dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder die „Ursünde“ beging und die Defizitkriterien des Euro aufweichte, nutzte der Konservative den geldpolitischen Spielraum – im Gegensatz zum Sozialdemokraten Schröder mit seiner Agenda 2010 – eben nicht zur Reform der französischen Wirtschaft. Ein Fehler, unter dem Frankreich bis heute leidet. Sein größter politischer Erfolg war ohne Zweifel – wieder im Tandem mit dem deutschen Regierungschef – 2003 das Nein zum Irak-Krieg von US-Präsident George W. Bush. Chirac – im Gegensatz zum Amerikaner – war ein Kenner der arabischen Welt.
Seine größte Niederlage erlebte Chirac 2005: Ohne Not hatte er die Franzosen zu den Urnen gerufen, um über eine EU-Verfassung abstimmen zu lassen. Statt der erwarteten klaren Mehrheit fiel die Verfassung jedoch durch. Von dieser Blamage erholte sich Chirac nicht mehr.
Zu allem Überfluss holte ihn nach dem Ausscheiden aus dem Elysée die Vergangenheit ein. Wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder während seiner Bürgermeisterzeit in Paris wurde er 2011 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Seine Popularität bei den Franzosen blieb davon aber unberührt.