MIKE SCHIER
Auf den letzten Metern hat sich das ganze Prozedere also noch gelohnt: Vier Monate nahm sich Österreich nach dem weltweit beachteten Ibiza-Skandal Zeit, um seine politischen Verhältnisse neu zu ordnen. Es gab eine nüchterne Übergangsregierung aus Experten, parallel dazu einen umso emotionaleren Wahlkampf – und als alle schon dachten, die Verhältnisse in der Alpenrepublik würden sich kaum ändern, hat die FPÖ dann doch noch einen sauberen Denkzettel vom Wähler bekommen.
Jetzt hängt alles davon ab, welche Lehren der große Sieger Sebastian Kurz aus dem vergangenen halben Jahr zieht. Gut möglich, dass er sich mit der geschwächten FPÖ inhaltlich am schnellsten auf eine weitere Koalition einigen könnte. Aber wie glaubwürdig wäre der Kanzler, der das alte Bündnis mit einem entschiedenen „Genug ist genug!“ aufgekündigt hatte, wenn er jetzt einfach weiter macht wie zuvor? Und wäre er strategisch gut beraten, sich ein weiteres mal von den politischen Abenteurern am rechten Rand abhängig zu machen? Irgendwann wird auch am smartesten Kanzler nicht mehr jeder Skandal abperlen, ohne Wirkung zu hinterlassen.
Die Frage ist, welche Alternativen sich Kurz wirklich bieten. Eine Koalition mit der SPÖ schließt sich eigentlich aus, schließlich hatte erst die ewige GroKo die FPÖ einst richtig groß gemacht – und Kurz selbst zum radikalen Bruch mit allen ÖVP-Konventionen bewogen. Bleiben die auch in Österreich erstarkten Grünen. Sollte ausgerechnet der junge Hoffnungsträger auch vieler deutscher Konservativer jenes Experiment wagen, vor dem man in Berlin wie München zurückschreckte? Es wäre ohne Frage spannend – allzu wahrscheinlich ist es nicht.
Mike.Schier@ovb.net