Kreuzverbot in Istanbul

von Redaktion

Beim Gastspiel von Borussia Mönchengladbach in Istanbul geht die Polizei massiv gegen deutsche Fans vor. Fahnen werden eingezogen, weil auf dem Stadtwappen ein Kreuz zu sehen ist. Der Verein reagiert harsch.

VON CARSTEN LAPPE UND MARC BEYER

Istanbul/München – Max Eberl hätte gute Gründe gehabt, ein versöhnliches Fazit zu ziehen. Der Sportdirektor des Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach hatte am Donnerstagabend in der Europa League bei Basaksehir Istanbul ein Spiel gesehen, das seine Mannschaft fast verloren hätte. Erst in der Nachspielzeit gelang den Gladbachern noch das 1:1. So richtig freuen mochte sich Eberl trotzdem nicht.

Zu sehr war für ihn der Abend getrübt durch Szenen vor dem Spiel. Fans der Borussia hatten ihre Fahnen der Polizei übergeben müssen. Die Beamten hatten moniert, dass die Utensilien christliche Symbole aufweisen. Dabei handelte es sich um das Stadtwappen Mönchengladbachs, in dem ein Abtsstab und ein Kreuz abgebildet sind. Eberl, einer der renommiertesten, aber auch emotionalsten Manager im deutschen Fußball, reagierte zornig. Er sprach von „Polizeidiktatur“ und kündigte eine Beschwerde beim europäischen Fußballverband UEFA an.

Es mache ihn „extrem traurig, dass wir 2019 in Europa solche Zustände haben, dass die Polizei diktieren kann, welche Fahnen mit ins Stadion kommen“, empörte sich Eberl. Dass in einem muslimischen Land die Gastgeber Fahnen, die ein Kreuz zeigen, rigoros einziehen dürften, stellte er grundsätzlich in Frage: „Diese Regel gibt es nicht.“

Basaksehir wurde erst vor fünf Jahren gegründet und ist in Istanbul lediglich die Nummer vier hinter den Großvereinen Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas. Obwohl er als Retortenclub gilt und eine überschaubare Fangemeinde hat, muss er sich über fehlende Sponsoren nicht beklagen. Überwiegend engagieren sich regierungsnahe Unternehmen bei Basaksehir. Staatspräsident Erdogan ist nicht nur als Fan bekannt, sondern soll hinter den Kulissen auch fleißig die Strippen ziehen.

Nach Clubangaben war es vor dem Spiel zu Rangeleien gekommen. Zwei Borussen-Fans waren vorübergehend in Gewahrsam genommen worden, weil sie angeblich Polizisten geschlagen haben sollen. Videoaufnahmen bewiesen allerdings das Gegenteil. Für Unmut sorgte auch der Zwang für die rund 1400 Gladbacher Fans, in Bussen anzureisen. Als sie dann ankamen, verzögerte sich auch noch der Einlass ins Stadion –angeblich waren die Drehkreuze defekt.

Eberl war auch deshalb so verärgert, weil die Kulisse im Stadion mit nur 6000 Zuschauern überschaubar und die Stimmung entsprechend trist war. „Unsere Fans bereichern diesen Totentanz hier und werden dann von Anfang an drangsaliert.“ Er nannte die Szenen „bizarr und grotesk. Das hat nichts mit Europapokal zu tun. Das ist Polizeidiktatur.“

Man kann das Vorgehen als kleinlich empfinden oder als gezielte Schikane gegen auswärtige Fans. Dass Wappen im Fußball ein Politikum sein können, ist allerdings nicht neu. Das Thema wird mancherorts als so sensibel angesehen, dass der Weltverein Real Madrid vor einigen Jahren von sich aus aktiv wurde und sein Logo geringfügig bearbeitete. Um die Kundschaft in der arabischen Welt nicht zu verprellen, verbreitet der Champions-League-Rekordsieger seit Anfang 2017 seine Fan-Artikel zwar noch mit der Krone im Wappen – aber ohne das Kreuz obendrauf. Real begründete diese Maßnahme mit „kulturellen Befindlichkeiten“, auf die man Rücksicht nehmen wolle.

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