Klima-Rebellen beginnen Blockade

von Redaktion

Die Ankündigung klang bedrohlich: Klimaaktivisten wollten Berlin, wie andere Städte auch, blockieren. Was Autofahrer am Montag in der Hauptstadt erlebten, dürfte viele aber nicht geschockt haben. Was folgt als Nächstes?

VON FABIAN ALBRECHT, JORDAN RAZA UND STEFANIE WEGELE

Berlin/München – Ist alles nur aufgeblasen, mehr Schein als Sein, wie von Protestforscher Dieter Rucht vorausgesagt? Die Aktivistengruppe Extinction Rebellion will Berlin und andere Großstädte weltweit lahmlegen. Zumindest das, was am Montag in Berlin passiert ist, dürfte die meisten Hauptstädter nicht schockiert haben. Zwei Blockaden an zentralen Punkten wie dem Großen Stern mit der Siegessäule und dem Potsdamer Platz mit Verzögerungen für Autofahrer von bis zu 20 Minuten – die Berliner sind weiträumigere Straßensperrungen gewohnt, wenn auch zu anderen Anlässen.

Schon am frühen Morgen blockieren rund 1000 Aktivisten den großen Stern, am Mittag dann folgt der Potsdamer Platz mit etwa 2000 Demonstranten. Sie wollen auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. Während es aber in London, Amsterdam, Wellington oder auch Sydney zu Festnahmen kommt, bleibt es in Berlin erst mal ruhig.

Am frühen Abend begann die Polizei am Potsdamer Platz damit, die Kundgebung der Klimaaktivisten zu räumen. Nachdem die Beamten zunächst Möbel von der Straße entfernten, die die Demonstranten zuvor aufgebaut hatten, wurden die ersten Aktivisten fortgetragen. Anschließend überprüften die Beamten deren Personalien. Die Räumung sollte laut Polizei noch bis in die Nacht andauern. An der Siegessäule wollten Aktivisten übernachten, wie eine Sprecherin von Extinction Rebellion ankündigte. Dort legten sich Menschen nebeneinander und steckten ihre Arme in Plastikrohre, um sich so miteinander zu verbinden.

Es ist auch ein Festival der Protestfolklore: Dreadlocks, gefärbte Haare, alternative Kleidung, so weit das Auge reicht. Die zumeist jungen Menschen sitzen in Trommelkreisen beisammen und singen altbekannte Lieder. „Bella Ciao“, „Probiers mal mit Gemütlichkeit“ – wer in den letzten 50 Jahren auf einer linken Demo war, kennt die Melodien, deren Texte die Aktivisten auf Klimaschutz umgedichtet haben. Ein ganzes Liederbuch haben sie geschrieben und verteilt.

Extinction Rebellion (kurz XR und auf Deutsch etwa: Rebellion gegen das Aussterben) kommt aus Großbritannien. Es gibt sie seit November auch hierzulande. Die Gruppe ist gut organisiert. Binnen einer halben Stunde ist vor der Siegessäule eine Holzarche zusammengeschraubt, auf der die ehemalige Seenotretterin Carola Rackete die Klimapolitik der Bundesregierung kritisiert. In 20 Minuten steht ein Zirkuszelt auf dem Potsdamer Platz und in nicht mal fünf Minuten ist die sonst so verkehrsreiche Kreuzung vor dem Platz mit Sofas und Zimmerpflanzen in ein großes WG-Wohnzimmer verwandelt.

Die Politik reagiert sehr kritisch. „Unsäglich“ nennt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die Blockaden. „Sie blockieren frühmorgens Leute, die zu ihrer Arbeit fahren und die dafür sorgen, dass jeden Tag in Deutschland Wohlstand erwirtschaftet wird.“ Die Politik entwickle Ideen. „Ich habe von den Extremen selten vernünftige Vorschläge gehört.“ Die AfD fordert ein hartes Durchgreifen der Polizei. Linken-Chef Bernd Riexinger lobt dagegen die Aktivisten. Ziviler Ungehorsam könne „dem Protest Nachdruck verleihen“.

In München hat die Polizei am Montag keine Protestaktion der Klimaschützer registriert. „Wir haben auch keine konkreten Anhaltspunkte, dass ähnliche Aktionen in München geplant sind“, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Den Bildern in den sozialen Medien nach zu urteilen, waren Münchner XR-Mitglieder zu den Protesten nach Berlin gereist.

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