VON MARCUS MÄCKLER
Es wirkt wie ein Geschenk unter schwächelnden Männern. Der eine, Donald Trump, zieht die US-Truppen aus der syrischen Grenzregion zur Türkei ab, damit der andere, Recep Tayyip Erdogan, seine Panzer ungehindert in die dortigen Kurdengebiete schicken kann. Trump, daheim unter Druck, kann das als Erfolg verkaufen, Erdogan den Terror-Bezwinger spielen. Es ist schon einigermaßen schockierend, wie skrupellos Außenpolitik hier ausgedealt und dem Primat des Inneren unterworfen wird – ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.
Mit der Entscheidung, die Trump 2018 so ähnlich schon mal traf und dann wieder revidierte, verrät er nicht nur die Kurden, den zentralen Verbündeten im Kampf gegen den IS. Er öffnet auch die Schleusen für neue Unruhen in Nordsyrien, also genau jenem Gebiet, das der IS dank der Kurden nie richtig in seine Gewalt bringen konnte. Erdogans Geschwätz von einer Schutzzone, die er zwischen den Kurdengebieten und der Türkei errichten wolle, ist kaum mehr als ein Vorwand, um sich syrische Gebiete langfristig unter den Nagel zu reißen und mit arabischen Syrern zu besiedeln. Der Großosmane darf träumen.
Von all den absehbaren Folgen (Stärkung des Irans und des Assad-Regimes, neuer Aufwind für den IS) könnte eine Europa besonders treffen. Wenn sich die gut ausgerüsteten Kurden, wie angekündigt, wehren, wird der Krieg womöglich in die Verlängerung gehen. Dann geht es ganz schnell nicht mehr nur um ein paar hundert Bootsflüchtlinge, sondern um deutlich mehr. Wer glaubte, das Syrien-Drama sei vorbei, hat sich getäuscht.
Marcus.Maeckler@ovb.net