Limburg/Berlin – Ungebremst steuert der 32-jährige Syrer, der im November 2015 als Flüchtling nach Deutschland kam, den gestohlenen Lastwagen in Autos, die vor einer Kreuzung im hessischen Limburg stehen. Dann steigt er – noch ganz benommen – aus dem Führerhaus. Dass er im Chaos nach dem Crash nicht fliehen kann, ist einer Gruppe junger Polizeianwärter zu verdanken, die im benachbarten Diez gerade ihre Ausbildung absolvieren.
Die Bundespolizisten – elf Männer und eine Frau – haben an diesem Montagnachmittag frei, sie sind in Zivil unterwegs. Drei von ihnen halten den Syrer fest. Er versucht vergeblich, sich ihnen zu entwinden. Dann informieren die Polizeianwärter die hessischen Kollegen und helfen den Verletzten.
Am Tag nach den dramatischen Ereignissen von Limburg zeugt nur noch ein rot-weißes Absperrband im Mülleimer davon, was hier an der Kreuzung geschehen ist. Der Verkehr rollt wie immer über die viel befahrene Hauptstraße. Doch die Betroffenheit bleibt. „Man denkt immer, so etwas passiert weit weg. Diesmal war es ziemlich nah an uns dran“, sagt ein 59 Jahre alter Geschäftsmann über den Vorfall.
Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler soll der Flüchtling den Fahrer des Firmenlastwagens wortlos und mit Gewalt aus dem Führerhaus gezogen und dann sich selbst hinters Steuer gesetzt haben. Nach nur wenigen Metern Fahrt rammte er acht Autos. Der Crash ging glimpflicher aus als zunächst angenommen: Die Polizei sprach anfangs von 17 Verletzten, darunter der Lkw-Fahrer, korrigierte die Zahl schließlich nach unten auf insgesamt neun leicht verletzte Menschen. Allerdings sollen auch die drei Polizeimeisteranwärter, die den Tatverdächtigen festnahmen, dabei leicht verletzt worden sein.
Zum Glück sei nicht mehr passiert, sagt ein 66-jähriger Limburger. „Ich bin selbst jahrelang Lastwagen gefahren. Ich weiß, welche Wucht die haben.“ Und er fragt sich ebenso wie die Ermittler, was hinter dem Vorfall steckt.
Polizei und Staatsanwaltschaft halten sich mit der Veröffentlichung von Details zurück – allerdings erging noch am Dienstag Haftbefehl gegen den Mann. Die Tatvorwürfe lauten versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Insbesondere zum Tatmotiv könnten derzeit noch keine gesicherten Angaben gemacht werden, hieß es. Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) formuliert in seinem Dankesschreiben an die jungen Bundespolizisten vorsichtig: „Nach allem, was wir derzeit wissen, müssen wir wohl davon ausgehen, dass der Tatverdächtige dies vorsätzlich getan hat.“
Der Fall weckt schlimme Erinnerungen an Vorfälle wie das Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016. Der tunesische Islamist Anis Amri steuerte damals einen gekaperten Lastwagen auf den Platz an der Gedächtniskirche – zwölf Menschen starben, viele wurden verletzt. Wie der Tatverdächtige von Limburg, der wegen Drogendelikten und Körperverletzung aufgefallen war, war auch Amri bereits polizeibekannt. Der Tunesier Amri hatte außerdem intensive Kontakte zu radikalen Islamisten im In- und Ausland. Der 32-jährige Syrer ist für den Verfassungsschutz und die Staatsschutz-Abteilung der Polizei dagegen bisher ein unbeschriebenes Blatt.