Türkischer Vormarsch in Syrien

Berlin zaudert, Trump irrlichtert

von Redaktion

MIKE SCHIER

Es hat nicht einmal eine Woche gedauert, bis die fatalen Folgen der historischen Fehlentscheidung von Donald Trump offensichtlich wurden. Der türkische Vormarsch, für den der außenpolitische Dilettant Trump zumindest anfangs grünes Licht gab (auch wenn er das jetzt plötzlich ganz anders gemeint haben mag), hat Schätzungen zufolge nicht nur zehntausende Kurden aus ihren Häusern vertrieben, sondern auch hunderte von IS-Kämpfern und -Sympathisanten befreit. Die schon tot geglaubte Terrororganisation, die immer noch über beträchtliche Geldmittel verfügt, könnte nun neu belebt werden.

Für Europa, für Deutschland sind das besorgniserregende Nachrichten – weder ein neu anschwellender Flüchtlingsstrom noch ein wiedererstarkter IS können im Sinne Berlins sein. Umso irritierender ist, wie lange aus der Bundesregierung nur pflichtschuldig lahme Appelle zur Mäßigung kamen. Dass vorläufig keine Waffen mehr an Ankara geliefert werden, mit denen die Türkei kurdische Zivilisten bombardieren kann, ist das Mindeste! Angela Merkel hat den Druck auf ihren Nato-Partner Recep Tayyip Erdogan viel zu spät erhöht – offenbar war die Sorge, dass der skrupellose Präsident künftig wieder mehr Flüchtlinge nach Europa durchwinkt, doch zu groß.

Trump mag die europäische Flüchtlingsfrage herzlich egal sein. Doch auch den USA erwächst mit der türkischen Offensive ein Problem. Es dürfte nicht lange dauern, bis sich die Kurden mit der Assad-Regierung arrangieren müssen – und damit den Einfluss Russlands und Irans in der Region ausweiten. Schon droht der US-Präsident den Türken mit Sanktionen. Auch nach fast drei Jahren im Amt irrlichtert er außenpolitisch weiter.

Mike.Schier@ovb.net

Artikel 10 von 11