Istanbul/Damaskus – Trotz der US-Forderung nach einer sofortigen Waffenruhe und Sanktionen liefern sich die türkischen Truppen in Nordsyrien weiter erbitterte Kämpfe mit der Kurdenmiliz YPG. Die von der YPG geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) hätten einen Gegenangriff begonnen und die Grenzstadt Ras al-Ain zurückerobert, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Türkische Truppen hatten den Ort mithilfe von syrischen Rebellen zwei Tage zuvor unter ihre Kontrolle gebracht.
Kurdische Quellen bestätigten die Eroberung von Ras al-Ain. Die Kurdenmilizen hätten auch das nahe gelegene Dorf Tall Halaf eingenommen. Eine Bestätigung aus Ankara gab es nicht. Der Sender CNN Türk berichtete, in der Nacht habe es schwere Gefechte in Ras al-Ain gegeben. In der Stadt Manbidsch wurde nach offiziellen Angaben ein türkischer Soldat getötet und 18 weitere verletzt.
US-Vizepräsident Mike Pence und US-Außenminister Mike Pompeo werden heute nach Ankara fliegen, um in dem Konflikt zu vermitteln. Ziel sei es, einen Waffenstillstand zu erreichen, sagte US-Präsident Donald Trump. Morgen soll Pence den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan treffen. Kanzlerin Angela Merkel rief die Türkei derweil erneut zu einem Ende der Militäroffensive auf. Der Einsatz bringe „erkennbar sehr viel menschliches Leid mit sich“ und führe mit Blick auf den IS zu neuer Unsicherheit, sagte Merkel.
Nach anderen europäischen Ländern erklärte gestern auch Großbritannien, vorerst keine Waffen mehr an die Türkei zu liefern, die für die Militäroffensive in Nordsyrien genutzt werden könnten. Man werde den Export sehr genau kontrollieren, sagte Außenminister Dominic Raab. Die britische Regierung sei von der Offensive „tief enttäuscht“.
Nach Angaben der UN-Organisation für Migration sind bereits 190 000 Menschen vor den Kämpfen geflohen. Rund 2000 seien auf dem Weg zum Irak, berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR.