GEORG ANASTASIADIS
Wie es sich anfühlt, in der internationalen Politik nur noch Statist zu sein, wissen die Europäer schon länger. Aber keiner hat es ihnen bisher so brutal auf den Kopf zugesagt wie der türkische Präsident Erdogan jetzt dem deutschen Außenminister Heiko Maas. Dessen Ankündigung, Berlin werde der Türkei wegen ihres Angriffskriegs in Syrien keine Waffen mehr liefern, quittierte der Kriegsherr in Ankara mit der höhnischen Bemerkung, Deutschland werde verlieren, er, Erdogan, gewinnen. Denn Maas sei ein Dilettant und verstehe „nichts von Politik“.
Daran ist immerhin so viel richtig, dass, wer wie die EU über Machtmittel nicht verfügt (oder sie nicht einzusetzen bereit ist), den Mund nicht zu voll nehmen sollte. Erdogan fürchtet Putin, er kalkuliert mit Trump – aber für die heillos uneinige EU und die Kanzlerin hat er nur Verachtung übrig. Groß ist dieses von Gipfel zu Gipfel eilende Europa nur noch im Schwingen wortreicher, aber folgenloser Reden. Die wortreichste und folgenloseste hat Angela Merkel vor US-Studenten in Harvard gehalten. Ihrer gefeierten Abrechnung mit Trump folgten keine energischen Schritte, um Europa als globale Gestaltungsmacht irgendwie zurück ins Spiel zu bringen. Brüssel hat sich seit dem Flüchtlingspakt mit Ankara in sein Schicksal als Erdogans Geisel gefügt, und es kuscht auch im Angesicht der syrischen Katastrophe. Bis zur Selbstverleugnung.
Eine letzte Chance hat Europa noch. Es muss unter Aufbietung aller Kräfte und allen guten Willens versuchen, auf dem heute beginnenden EU-Gipfel einen Brexit-Deal mit dem Vereinigten Königreich zu schmieden. Denn es wird Großbritannien, die Atommacht und große Demokratie mit ihren immer noch bedeutenden militärischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Fähigkeiten auch künftig als Partner brauchen, wenn es den eigenen Sturz in die Bedeutungslosigkeit in einer von den USA und China dominierten Welt aufhalten will. Die Schadenfreude, die viele angesichts des Londoner Chaos empfinden, könnte Europa noch teuer zu stehen kommen. Allen voran die Kanzlerin darf in dieser historischen Stunde nicht versagen.
Georg.Anastasiadis@ovb.net