München – Um 17.42 Uhr gibt es ein kurzes Nicken von Markus Söder. Ein angedeutetes zufriedenes Lächeln, mehr Euphorie gönnt sich der 52-Jährige nicht. Sichtlich nervös hatte er auf das Ergebnis gewartet, pausenlos auf dem Handy rumgedrückt. Jetzt: nur nicht zu viel Erleichterung zeigen. 91,34 Prozent für den Parteivorsitzenden, knapp vier Punkte mehr als im Januar. „Ich will vorausgehen, aber nicht allein“, hatte er den knapp 800 Delegierten zugerufen. In der etwas zu großen Olympiahalle will zwar keine rechte Stimmung aufkommen, aber mit dem Ergebnis signalisiert ihm die Partei: Wir werden dir folgen.
Der Erfolg kommt nicht von selbst. Söder hat vor dieser Wahl wenig dem Zufall überlassen. Die Saalregie ist minutiös durchgeplant. Er selbst hat kleinste Details mitgeregelt, mit den Generalsekretären sogar die Krawattenfrage geklärt (alle mit). Bei seiner Ankunft gelobt er mal wieder, er trete „sehr demütig“ vor die Delegierten. Dann läuft er eine große Runde durch den oberen Ring der Olympiahalle, bei der seinem Händedruck nur entgeht, wer hinter den nächsten Messestand flieht. Damit die vorlaute Junge Union nicht wieder Schilder mit einer Botschaft bedruckt, legt die CSU selber tausende Plakate auf die Plätze: „Näher am Menschen“ – sogar für Journalisten aus dem fernen Berlin.
Seine Rede gerät dann ein wenig lang und nicht allzu demütig. Vieles, was der Parteichef da auf der Bühne sagt, hat er andernorts bereits ausgetestet. Die radikale Abgrenzung zur AfD beispielsweise. Den Höcke-Flügel nennt er eine „verfassungsfeindliche Organisation“. In der Partei befänden sich „Brandstifter“, die nicht in die 80er- oder 90er-Jahre zurückwollten, sondern in die 30er. Oder die Aufforderung an die SPD, nach der Wahl der neuen Vorsitzenden endlich ein klares Bekenntnis zur Großen Koalition abzugeben und dann entschlossen zu regieren. Oder seine Attacken auf die Grünen („Ein-Themen-Partei“), die er künftig statt der SPD als politischen Hauptgegner sieht.
Söder hat viel zu sagen – quer durch alle Themen. Pflege, Familie, Hightech, sogar einen kleinen Schlenker in die Außenpolitik gibt es. Den größten Applaus bekommt Manfred Weber, dem Söder für sein Engagement als Spitzenkandidat bei der Europawahl dankt. „Du bist nach der Wahl unfair behandelt worden“, sagt der CSU-Chef. Weber bedankt sich später, indem er Söder zur Wahl vorschlägt. Angesichts der wechselhaften Geschichte der beiden ist das keine Selbstverständlichkeit.
Aber wer genau hinhört, merkt auch, wie sehr Söder seiner Partei ins Gewissen reden muss. „Vor ziemlich genau einem Jahr hatten wir den vielleicht kritischsten Kampf der CSU überhaupt“, erinnert er gleich zu Beginn an den Landtagswahlkampf. Letztlich habe man über dieses Ergebnis noch ganz froh sein müssen. Zur Erinnerung: Dieses Ergebnis beinhaltete ein sattes Minus von 10,5 Prozentpunkten. Heute sei die Lage besser: Das Ansehen der Staatsregierung sei wieder gewachsen. „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Die Delegierten erheben sich zum ausdauernden, wenn auch nicht euphorischen Beifall. Handgezählte 18 der vorbereiteten Plakate werden nach oben gehalten.
Doch dann entgleitet der Parteitagsregie die durchorganisierte Veranstaltung. Es meldet sich ein junger Mann namens Niklas Stadelmann aus dem oberfränkischen Lichtenfels. Die Parteireform steht eigentlich erst am Samstag auf der Tagesordnung, aber der Ärger muss raus. Er sei nicht eingebunden worden, schimpft der JUler. Und inhaltlich laufe auch vieles schief. Als es unruhig wird, sagt er: „Ein bisserl was hab ich noch zu sagen. Da müsst ihr jetzt durch. Ich habe den Parteivorsitzenden ja auch eineinhalb Stunden zugehört.“ Einer ruft: „Lausbua!“
Der junge Mann hat sich gerade erst gesetzt, da poltert ein älterer auf der anderen Seite der Halle los. Sein Ziel ist Verkehrsminister Andreas Scheuer. „So eine Blamage mit der Maut! Wir blamieren uns bis auf die Knochen“, ruft er empört. „Mir haut’s den Vogel raus!“
So etwas kennt man von der CSU nicht. Eher von den Grünen. Es zeigt, wie sich die politische Debatte auch in der CSU ändert. Die Basis will mitreden – da können Söder und sein General Markus Blume vorab noch so viel planen.