Digitale Stolperfallen

von Redaktion

Blogger mit Berührungsängsten und ein angestaubtes Parteienrecht: zähe CSU-Modernisierung

München – Es ist nicht leicht, modern zu sein. Die CSU spürt das schmerzlich auf ihrem Parteitag. Vorne ist eine riesige Hightech-Bilderwand aufgebaut, ein haushoher Monitor von weit über 30 Meter Breite, vor dem jeder Redner gnomenhaft erscheint. Die superdigitale Megavideowand zeigt dann aber eine recht analoge Botschaft: Vor Wortmeldungen mögen die Delegierten bitte ihre Wortmeldezettel an der Bühnenkante einreichen.

Kein Spott: Selten hat sich die CSU so ernsthaft bemüht, digital, modernisiert und jung aufzutreten wie bei diesem Delegiertentreffen. In der verwinkelten Münchner Olympiahalle treffen Ziel und Realität aber mitunter hart aufeinander. Vor den Delegierten liegt eine kiloschwere Antragsmappe, über die Inhalte wird mittels papiernen bunten Stimmkarten abgestimmt. Wenigstens wurde vorab digital votiert, welche Anträge ins Zentrum gerückt werden sollen – 13 000 Mitglieder klickten mit. Auch bei den Wahlen wirkt die Partei analog: Die Berliner Digitalexpertin Dorothee Bär wird bei der Vize-Wahl mit gut 70 Prozent krachend abgestraft. Wofür, weiß keiner so recht.

Das Dilemma der CSU zeigt sich auch ganz banal in der „Lounge“, die für wirkmächtige Internet-Größen reserviert wurde: Sie ist über Stunden leer. Die CSU hatte als erste Partei „Influencer“ zum Parteitag eingeladen. Offiziell mag niemand näher Auskunft geben, aber dem Vernehmen nach sagten von mehreren angefragten Dutzend Internet-Promis nicht mal drei zu – Berührungsängste mit der Söder-Partei.

„Wir sind in diesem Bereich weiter als andere, aber immer noch in der Experimentierphase“, sagt Generalsekretär Markus Blume diplomatisch. Das Signal, Multiplikatoren ernst zu nehmen, sei „sehr positiv aufgenommen worden“. Der Dialog solle „dauerhaft“ weitergehen. Im Saal wird vereinzelt leise gelästert. Wahr ist allerdings: Tut die Union nichts fürs Digitale, ist es auch nicht recht. Als die CDU nach dem „Zerstören“-Video des Youtubers Rezo kurz vor der Europawahl tagelang sprachlos war und schließlich mit einer drögen schriftlichen Abhandlung auf die Polemik antwortete, erntete sie üblen Spott auf allen medialen Kanälen.

In München will Blume seiner Partei mit dem Leitantrag zur CSU-Reform heute Vormittag weitere Schritte zur Digitalisierung verordnen. Keine „Online-Blase“ soll das sein, sondern eine Vernetzung mit der analogen Welt einer bedenklich alternden Partei. Auch das geht zäher als erhofft: Eine ortsunabhängige Online-Mitgliedschaft wird es zwar wie versprochen geben – aber ohne Stimmrecht. Das Parteienrecht gab nicht mehr her. Mittelfristig wirken soll auch ein Digitalbeauftragter pro Verband, gewählt wie sonst seit Jahrzehnten Schriftführer und Schatzmeister. Weitere Eingriffe hat der Parteivorstand bereits beschlossen: unter anderem das Aus des „Bayernkurier“, das einst als CSU-Kampfblatt legendäre Druckwerk liegt zum wohl letzten Mal aus. Das eingesparte Geld soll in Online-Wahlkämpfe fließen.

Eine Mehrheit des Parteitags für Blumes Reform gilt als sicher. Die viel strittigeren Punkte des Leitantrags, nämlich der Ausbau der Quoten für Frauen, wurden wenige Tage vor dem Delegiertentreffen in einem klassischen Kompromiss geglättet: mehr Posten für alle. Abgestimmt wird übrigens darüber wie immer per Stimmkarte.  cd

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