Recht verliert immer dann seine befriedende Kraft, wenn seine Auslegung als überzogen und damit ungerecht empfunden wird. Dann kann ein Urteil Keim und Zündfunke neuen Unrechts sein. So droht es jetzt im Fall der katalanischen Separatisten Wirklichkeit zu werden, die vom spanischen Obersten Gerichtshof mit Gefängnisstrafen bis zu 13 Jahren hart bestraft wurden. Dafür, dass sie mit friedlichen Mitteln – mit Demonstrationen, Parlamentsbeschlüssen und einem Referendum – für die Unabhängigkeit Kataloniens gekämpft haben.
Jetzt können sich all jene Scharfmacher in der reichsten Region Spaniens bestätigt fühlen, die die gewaltfreie Soft-Strategie der politischen Führer in Barcelona gegenüber der Zentralregierung in Madrid stets abgelehnt haben. Prompt brennen in der Metropole am Mittelmeer jetzt Müllcontainer, Barrikaden und Autos. Und man muss befürchten: Das ist erst der Anfang.
Noch verhält sich der überwältigende Teil der Bürger Kataloniens vorbildlich und friedlich und lehnt ein Überlaufen zu den Gewalt-Protagonisten ab. Aber es ist höchste Zeit, dass aus der Regierung (oder auch aus dem Königspalast) nach Jahren eiskalt sanktionierter Law-and-Order-Politik endlich ein Signal der Versöhnungsbereitschaft, des Aufeinanderzugehens kommt. Oder will man in Katalonien die Tragödie des Baskenlands wiederholen?
Alexander.Weber@ovb.net