München – Der Tag in der Halle muss sich für Dorothee Bär irgendwie seltsam anfühlen. Sie kann keine zehn Meter weit gehen, ohne von Parteifreunden um ein Selfie gebeten zu werden. Sie erfüllt alle Wünsche lächelnd. Aber als dann am Freitagabend die Abstimmung über sie als Parteivize kommt, knallt ihr die CSU ein außergewöhnlich mieses Ergebnis hin.
Von 833 Delegierten sind 706 da, 65 geben vorsätzlich ungültige Stimmen ab, 182 schreiben „Nein“. Selbst in der CSU-Mathematik, die ungültige Stimmen herausrechnet, sind das nur 71 Prozent, das schlechteste Ergebnis aller fünf Vizes, die anderen vier haben 10 bis 20 Punkte mehr. Bär hatte vor ein paar Tagen schon intern gesagt, sie rechne nicht mit einem guten Resultat – diese Zahlen hatte sie aber nicht erwartet. Sofort nach dem Resultat geht das Deuten und Trösten auf dem Parteitag los.
Ein Teil des Ergebnisses dürfte wohl dem unter Delegierten weit verbreiteten Frust, teils Zorn, über die Bundesregierung entspringen. Bär ist Staatsministerin im Kanzleramt – der weitaus umstrittenere Verkehrsminister Andreas Scheuer stellt sich gar nicht erst der Vorstandswahl, Innenminister Horst Seehofer bleibt dem Parteitag komplett fern. „Die Doro hat alles abgekriegt“, sagt eine Kollegin ohne Häme.
Bär selbst polarisiert allerdings auch. Als Digital-Ministerin, unterwegs in Sozialen Netzwerken, bewegt sie sich in einer anderen Welt als der normale CSU-Delegierte. Sie pflegt eine direkte Sprache. Die 41-Jährige hat damit hohe Medienpräsenz, neulich ein groß bebildertes Doppelinterview mit Markus Söder im sonst nicht so Politik-affinen Magazin „Bunte“. Und ab und zu Auftritte, die online toll wirken, manchen CSUler aber verstören – etwa im pink-hellblauen Latex-Kleid beim Deutschen Computerspielpreis in Berlin.
„Hinfallen, aufstehen und Krönchen richten“, raunt eine Parteifreundin Bär nach der Wahl zu. Ganz so einfach ist das allerdings nicht. Das miese Ergebnis erschwert einen Personal-Plan in der CSU. Eigentlich hat Parteichef Söder vor, Bär als Spitzenkandidatin (eventuell im Team mit Alexander Dobrindt) in die nächste Bundestagswahl zu schicken. Sie soll das moderne Gesicht der Partei abbilden, bundesweit vermittelbar. Dass nur gut jeder zweite Delegierte für Bär gestimmt hat, gibt nicht viel Schwung.
In der Parteispitze wird das zunächst achselzuckend hingenommen. Der Termin für die Bundestagswahl ist noch nicht klar, und die Bedeutung des Listenführers für die CSU ist eher symbolisch. Prominente Alternativen gibt es allerdings nicht: Scheuer ist wegen der Maut-Geschichte angeschlagen, Seehofer kandidiert nicht mehr, einzig Entwicklungsminister Gerd Müller hat kein akutes Problem am Bein.
Die Fränkin nimmt das Ergebnis äußerlich sehr gefasst an. Auf dem Parteitag bleibt sie tapfer bis Mitternacht. Und sagt am nächsten Morgen: „Wenn mich das nächste Mal jeder wählt, der ein Selfie mit mir am Delegiertenabend gemacht hat, bekomme ich 103 Prozent.“
CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER