So viel Misstrauen, wie Boris Johnson am Samstag im britischen Unterhaus entgegengeschlagen ist, muss sich ein Mensch erst mal verdienen. Als er noch kein Premierminister, sondern lediglich ein Lobbyist des Brexits war, hat er mit dreistesten Lügen dem Austritt den Weg bereitet. Später, in Amt und, nun ja, Würden, hat er das Unterhaus ausgesperrt, beschimpft und bedroht, selbst in der eigenen Partei jeden Widerstand brachial bekämpft und schließlich, auf dem Tiefpunkt seiner persönlichen Brexit-Kampagne, auch noch die Queen vorgeführt. Und nun warb er also um die Unterstützung all jener, die er so systematisch brüskiert hatte.
Dass der britische Abschied von Europa sich noch ein weiteres Weilchen hinziehen dürfte, ist so frustrierend wie folgerichtig. Bei allem Überdruss, der mittlerweile auf dem Kontinent herrscht, zeigt der Showdown im Unterhaus aber auch, wie kraftvoll die Demokratie auf der Insel immer noch ist. Alles erscheint nun wieder möglich, von einer Zustimmung im zweiten Anlauf über Neuwahlen bis hin zu einem erneuten Referendum. Das könnte für Johnson im Desaster enden. Nach dreieinhalb Jahren des Taktierens und Täuschens ist er seinem Ziel nicht wirklich näher gekommen. Aber das Volk weiß jetzt untrüglich, woran es bei ihm ist.
Marc.Beyer@ovb.net