Ottawa – Der Wahlkampf war hart umkämpft und unversöhnlich – und so endete auch der Wahlabend. „Wir sind mit einem klaren Mandat nach Ottawa geschickt worden“, sagt Justin Trudeau, Kanadas alter und neuer Premierminister, der mit seiner liberalen Partei wieder die meisten Sitze im Parlament errungen – aber die absolute Mehrheit verloren hat. 1.10 Uhr am Dienstagmorgen war es da in Montréal und längst nicht alle Wahlbezirke im zweitgrößten Flächenland der Erde waren ausgezählt.
Traditionell spricht der Wahlsieger in Kanada als letzter und lässt allen anderen höflich den Vortritt, aber daran hielt sich diesmal niemand. Trudeaus „Führungskraft ist angeschlagen und seine Regierung wird bald vorbei sein“, sagt der konservative Herausforderer Andrew Scheer zur gleichen Zeit drei Provinzen weiter westlich in Saskatchewan. „Wir sind die Regierung in Lauerstellung.“
Der Wahlkampf hat die Menschen in Kanada auseinandergetrieben. Hatte Trudeau 2015 noch mit seinem glanzvollen Kantersieg die Landkarte liberal-rot gefärbt, ist dort jetzt viel Blau der Konservativen, Orange der Sozialdemokraten, Hellblau der Regionalpartei Bloc Québécois und sogar ein wenig mehr Grün zu sehen. Zwar bleiben die Liberalen dem vorläufigen amtlichen Endergebnis zufolge mit 157 Sitzen stärkste Kraft, doch die absolute Mehrheit von 170 Mandaten wird klar verfehlt. Ganz zu schweigen von den 184 Sitzen, die sie vor vier Jahren errangen. Minderheitsregierungen sind in Kanada nicht ungewöhnlich.
„Unser Team wird für alle Kanadier kämpfen, egal wie ihr eure Stimmen abgegeben habt“, sagt Trudeau und versucht, die Menschen zu einen. Vor allem aber wirkt er erleichtert, dass er es in dem harten Wahlkampf geschafft hat, an der Macht zu bleiben.
Denn es ist ein großes „trotz“, das an diesem Tag über Kanada schwebt: Trudeaus Liberale gewinnen trotz Skandalen in den letzten Monaten, trotz einer durchwachsenen Bilanz nach vier Jahren mit einer absoluten Mehrheit im Rücken und trotz nicht erfüllter Versprechen. Das größte Glück in diesem Wahlkampf war für Trudeau sein Herausforderer.
Andrew Scheer, Chef der Konservativen, blieb über die ganze Länge blass. Statt mit frischen Ideen zu überzeugen, verfolgte er eine aggressive Anti-Trudeau-Strategie, ging den Premier hart an und beschimpfte ihn als „Betrüger“ – das verfing offensichtlich nicht bei genug Wählern.
Doch es war nicht nur Scheers Schwäche, die den liberalen Sieg ebnete. Auch die Schützenhilfe eines prominenten Weggefährten sorgte für Aufsehen: Der frühere US-Präsident Barack Obama hatte Trudeau wenige Tage vor der Abstimmung öffentlich unterstützt. Bei Twitter schrieb er, die Welt brauche dessen „progressive Führung“. Meinungsforscher David Coletto hatte daraufhin von einem möglichen „Obama-Effekt“ gesprochen.
Trotzdem hat Trudeau – auch wegen der Affäre um unterdrückte Korruptionsermittlungen gegen eine kanadische Firma und um alte Fotos, die ihn kostümiert mit einem als rassistisch wahrgenommenen, dunkel geschminkten Gesicht zeigten – Vertrauen bei den Kanadiern verspielt. Das zeigt sich im Verlust der absoluten Mehrheit, noch mehr aber darin, dass landesweit mehr Menschen für Scheer stimmten als für Trudeau. Es ist eine deutliche Ohrfeige für die Liberalen, die nun auf die Duldung kleinerer Parteien angewiesen sind. Ein Niederschlag blieb Trudeau immerhin erspart. CHRISTINA HORSTEN