München – Natürlich weiß er, wie er seine Fans elektrisiert. Er muss nur „Kartellparteien“ sagen, „Merkel-Regime“ oder „vollständiger Sieg“ – schon flippen sie aus. Oft spricht er auch vom „Alten und Morschen“, das im Begriff sei, zu verfallen. Da schwingt ein Plan mit: Björn Höcke will der sein, der auf den Trümmern des Alten Neues aufbaut.
Das klingt messianisch, so ist es auch gemeint. Im Thüringer Wahlkampf spielt der 47-Jährige den Erlöser, der, einmal an der Macht, hart durchgreifen will. Eine „Abschiebeoffensive 2020“ wolle er starten, wenn er Regierungschef sei – so sagt er es bei seinen Auftritten. Dann werde er selbst am Flughafen gute Heimreise wünschen.
AfD-Chef Alexander Gauland sagte mal, Höcke sei ein „Teil der Seele der Partei“. Nun will die Seele also Ministerpräsident werden – aber das ist so gut wie ausgeschlossen. Die AfD liegt zwar in Umfragen für die Wahl am Sonntag bei 20 bis 24 Prozent, mit ihr zusammenarbeiten will aber niemand, schon gar nicht mit ihrem Spitzenmann. Diese Woche nannte CDU-Kandidat Mike Mohring Höcke einen „Nazi“. Er, die Galionsfigur des völkischen „Flügels“, mag das Aushängeschild der Landes-AfD sein – zugleich ist er ein Ballast.
Wer sich dieser Tage in der Partei umhört, hört viele Klagen, offen sprechen möchte aber niemand. Der Personenkult um Höcke nervt viele, genau wie seine Angriffe auf parteiinterne Gegner. Weit schwerer wiegt: Seit der Verfassungsschutz Höckes „Flügel“ als Verdachtsfall einstuft, sitzt er der ganzen Partei im Nacken. Vor einigen Tagen sagte Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang dem „Spiegel“, der „Flügel“ werde „immer extremistischer“.
Zu Höcke schwieg Haldenwang. Besonders dürfte seine Behörde aber die Sprache des Thüringer Spitzenkandidaten interessieren, die stellenweise stark an NS-Jargon angelehnt ist. Als ihn ein ZDF-Reporter damit konfrontierte, brach Höcke das Interview ab. Ein „Armutszeugnis“ sei das gewesen, sagt ein Mitglied der Bundestagsfraktion.
Tatsächlich wächst bei vielen der Eindruck, dass Höcke der Partei mehr schadet, als er ihr nutzt. Bei den Leuten treffe er auf viel Zustimmung, sagt der Abgeordnete, der nicht aus Thüringen kommt. „Aber oft wird ein Name kritisch angemerkt: Höcke.“ Nicht mal AfD-Anhänger schätzen den Spitzenkandidaten. Im Politbarometer bewerteten sie ihn auf einer Skala von plus bis minus fünf mit minus 0,7. Käme die AfD in Thüringen auf die 21 Prozent, die ihr die jüngste Umfrage voraussagt, läge sie klar unter den Ergebnissen aus Sachsen und Brandenburg.
Höcke stört all das offenbar nicht. „Vielleicht“, sagte er im ZDF-Interview drohend, „werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Land.“ Doch das Aufplustern täuscht nicht darüber hinweg, dass er intern an Einfluss verliert.
Im „Appell der 100“ setzten sich im Juli namhafte AfD-Funktionäre öffentlich von ihm ab, nachdem er bei einem „Flügel“-Treffen gegen den Parteivorstand gewettert hatte. Etwas verdruckst kündigte er damals an, womöglich selbst für den Vorsitz zu kandidieren. Gegner wie Parteichef Jörg Meuthen forderten ihn daraufhin höhnisch dazu auf – um ihn scheitern zu sehen. Auch beim „Flügel“ zieht inzwischen ein anderer die Strippen: der Brandenburger Andreas Kalbitz.
Selbst in der Thüringer AfD hat der Rechtsaußen inzwischen einen ganz speziellen Ruf. Ein Insider der Landtagsfraktion sagt, Höcke lasse sich gerne von seiner Limousine herumkutschieren und predige den Untergang des Abendlandes – die Arbeit überlasse er aber anderen. Im Moment sei eine „schleichende Entmachtung“ im Gange.
Manche sagen, Höcke sei selbst manchem Parteifreund in Thüringen zu rechts. Der Jenaer Rechtsextremismusforscher Axel Salheiser hält das für ein Gerücht. Zwar gebe es Einzelstimmen, die Höcke kritisierten. „Aber nur, um sich selbst das Deckmäntelchen des Bürgerlich-Konservativen zu geben.“ Den AfD-Chef selbst nennt Salheiser „rechtsradikal“, er stehe in der „autoritären, antiliberalen, antidemokratischen Tradition der Kaiserzeit“. Inzwischen darf man ihn übrigens mit richterlichem Segen als „Faschisten“ bezeichnen.
Wie radikal er denkt, offenbart Höcke in seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“. Er wolle das Land reinigen, heißt es da – von „kulturfremden“ Menschen und Deutschen, die „nicht willens sind“, mitzumachen. Das Mittel dazu sei „wohltemperierte Grausamkeit“. Sollten Wahlen ihn nicht an die Macht bringen, will er andere Wege gehen. Dann „ziehen wir uns in die Gebiete in Ostdeutschland zurück, bewaffnen uns und bleiben da in Deckung, bis wir so viele sind, dass wir den Staat übernehmen können“.
Ein Rechtsradikaler in der Tradition der Kaiserzeit