Damaskus/Genf/Moskau – Um die Lage der syrischen Kurden zu verstehen, reicht ein Blick nach Genf. Dort nimmt heute der syrische Verfassungsausschuss seine Arbeit auf, der den Weg zu einer politischen Lösung für das Bürgerkriegsland ebnen soll. Ein Vertreter der kurdischen Partei PYD, politischer Arm der Miliz YPG, wird aber nicht am Tisch sitzen. Die einflussreichste politische Kraft der Kurden im Norden Syriens bleibt bei dem Termin außen vor.
In den bald neun Jahren des Bürgerkriegs haben die Kurden viele Höhen und Tiefen erlebt. Vor allem die vergangenen Wochen gehörten für sie zu den schwersten. Auf der internationalen Bühne fehlt ihnen ein starker Partner. Von ihrem bisherigen Verbündeten USA im Stich gelassen, steht die YPG im Kampf gegen die türkische Armee auf verlorenem Posten.
Ein von der Türkei und Russland, dem engen Verbündeten der syrischen Regierung, ausgehandeltes Abkommen schreibt vor, dass die YPG einen rund 30 Kilometer tiefen Streifen an der Grenze zur Türkei verlässt – und damit kampflos ein wichtiges Gebiet aufgibt, das sie im Zuge des Krieges eingenommen hatte. Gestern gab der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu bekannt, dass die YPG aus Nordsyrien tatsächlich vorzeitig abgezogen ist. Nun hätten dort syrische Grenztruppen und die russische Militärpolizei die Kontrolle.
Dabei sah es lange so aus, als könnten die Kurden zu den Gewinnern dieses blutigen Konflikts zählen. Ende 2014 rückte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in die kurdische Grenzstadt Kobane vor. Die Kämpfe fanden international große Aufmerksamkeit, weil Kameras die Schlacht von einem Hügel in der benachbarten Türkei filmten. Kobanes Fall schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Dass die Kurden den IS vertreiben konnten, gilt heute als Heldentat. Die USA erkoren die YPG sogar zu ihrem wichtigsten Verbündeten in Syrien. An der Spitze der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) nahm die Miliz Quadratkilometer für Quadratkilometer des IS-Herrschaftsgebietes ein und eroberte auch die letzte Hochburg der Extremisten und die Gebiete mit den wichtigsten Ölquellen im Osten.
Auch politisch schufen die Kurden in ihrem Territorium Fakten und errichteten dort unter Führung der PYD eine autonome Selbstverwaltung. Ein „historischer Moment“ sei das gewesen, sagt der Deutschland-Vertreter der Selbstverwaltung, Ibrahim Murad. Er bestreitet, dass die Kurden sich eines Tages vom Rest Syriens abspalten wollen: „Das Ziel ist ein dezentralisiertes Syrien und nicht ein unabhängiger Staat.“
Doch genau dieses Szenario rief die Türkei auf den Plan, die einen eigenen Kurden-Staat verhindern will. Militärisch haben die Kurden der Türkei nichts entgegenzusetzen. Mangels Alternativen kooperiert die YPG deshalb wieder mit dem Regime und ließ Truppen der Regierung von Machthaber Assad in ihre Gebiete vorrücken, quasi als Schutz gegen die türkische Armee. Doch das ist ein reines Interessenbündnis aus der Not. Assad selbst will ganz Syrien wieder unter seine Kontrolle bringen. Am Ende könnte die Miliz ihr gesamtes Territorium wieder verlieren.