Für die liberale „New York Times“, die daheim einen steten Kampf gegen Donald Trump ficht, war Angela Merkel lange eine Lichtgestalt der westlichen Demokratie. Davon ist offenbar nicht mehr viel geblieben: In einer aktuellen Analyse über die europäischen Kräfteverhältnisse fällt die Zeitung ein vernichtendes Urteil über die Zustände in der Deutschen Hauptstadt.
„Die deutsche Regierung ist paralysiert, steckt in einer gespaltenen ,Zombie‘-Koalition, die unfähig ist, zu handeln, aber auch unwillig zu sterben“, beginnt der Text, der in Berlin viel Aufmerksamkeit bekommt, weil darin Norbert Röttgen (CDU) die eigene Regierung als „Totalausfall“ bezeichnet. Die „Times“ schließt sich diesem Urteil an. Merkel habe sich mit ihrer Ankündigung, 2021 nicht mehr zu kandidieren, selbst zur „lame duck“ gemacht. Das Resultat sei eine Verschiebung der Machtverhältnisse in Europa, wird Mark Leonhard, Direktor des European Council in Foreign Relations zitiert. Emmanuel Macron mache sich auf, das Führungsvakuum auszufüllen. „Mit dem Abflauen der Euro- und der Flüchtlingskrise ist Deutschland wesentlich weniger wichtig für die Organisation der Europäischen Union geworden“, erklärt der Politikwissenschaftler. Frankreichs Präsident werde nicht mehr auf Deutschland warten oder vor Konflikten mit Berlin zurückschrecken. mik