London – Man muss die Briten für ihren Traditionalismus lieben, auch wenn er manchmal etwas martialisch daherkommt. Vier zähe Wahlrunden lang dauerte es, bis das Unterhaus gestern seinen neuen Präsidenten gewählt hatte. Als der Name feststand, ging alles ganz fix. Von links und rechts griffen seine Kollegen nach Lindsay Hoyle und zerrten ihn von der Abgeordnetenbank geradewegs nach vorne auf seinen neuen Platz, den des Unterhauspräsidenten. So wird das schon seit Jahrhunderten gemacht – der feine Unterschied zu heute: Früher wurde der „Speaker“ in der Auseinandersetzung mit der Krone nicht selten aufs Schafott gezerrt.
Hoyle, 62 Jahre alt und Abgeordneter für die Labour-Partei, galt als Favorit für die Nachfolge des inzwischen legendären John „Ordeeer“ Bercow. Die Wahl dauerte bis in den späten Abend hinein. Zuletzt setzte sich Hoyle gegen seinen Parteifreund Chris Bryant durch. „Ich werde neutral sein, ich werde transparent sein“, sagte er schließlich.
Hoyle hatte versprochen, als „Speaker of the House of Commons“ einige Veränderungen durchzusetzen. Es gehe darum, dass die Abgeordneten auf den hinteren Bänken die Regierung zur Rechenschaft ziehen könnten, hatte er in seiner Bewerbungsrede gesagt. Ein verantwortungsvoller Speaker müsse das unterstützen.
Hoyles Vorgänger Bercow hatte letzte Woche nach zehn Jahren das Amt abgegeben, wenige Tage bevor das Parlament für die vorgezogene Wahl am 31. Oktober aufgelöst wird. Dadurch wurde die Auswahl des neuen Speakers ungewöhnlicherweise am Ende statt zu Beginn einer Legislaturperiode getroffen.
Der Parlamentspräsident hat eine zentrale Rolle im Unterhaus inne. Er erteilt und entzieht Abgeordneten das Wort, entscheidet über die Zulässigkeit von Anträgen und vertritt die Kammer unter anderem gegenüber der Königin und dem Oberhaus (House of Lords).
Bercow war der 157. „Speaker“ und seit 2009 im Amt. Er galt als großer Reformer, der den Hinterbänklern viel öfter das Wort erteilte als bis dahin üblich. Auch die Zahl der Dringlichkeitsdebatten nahm erheblich zu unter Bercow – Regierungsmitglieder mussten viel öfter Rede und Antwort stehen, als ihnen lieb war. Alte Zöpfe schnitt er ab. Beispielsweise verzichtete er auf das traditionelle Gewand des Speakers. Stattdessen trug er Anzug, oft schrille Krawatten und eine schlichte Robe. Perücken waren bereits unter seinen Vorgängern aus der Mode gekommen.
Doch er eckte immer wieder auch an. Im Streit über den EU-Austritt des Landes kritisierten ihn vor allem Brexit-Hardliner als parteiisch. Mehrmals setzte sich der 56-Jährige über Konventionen hinweg, damit sich die Abgeordneten im Streit mit der Regierung durchsetzen konnten. Der ehemalige Konservative, als Speaker hatte er seine Parteizughörigkeit abgelegt, rechtfertigte das mit einem immer autoritäreren Regierungsstil. Viele Parlamentarier lobten, er habe die Rechte des Unterhauses gegenüber der Regierung gestärkt.
Bereits in der Nacht zum Mittwoch soll das Parlament aufgelöst werden für die anstehende Neuwahl am 12. Dezember. Dann muss auch der „Speaker“ im Amt bestätigt werden. Nach den Wahlen 2015 und 2017 geschah dies ohne Wahl. dpa/mmä