München – Man muss sich schon gewaltig anstrengen, um die Kanzlerin gedanklich aus ihrem steifen Amts-Blazer zu schälen und sie in einen dieser röhrenden Ami-Schlitten zu verfrachten, vielleicht mit Sonnenbrille im Gesicht, auf jeden Fall mit Musik im Radio. Zu DDR-Zeiten habe sie immer in die USA reisen wollen, sagt Angela Merkel. „Die Rocky Mountains sehen, mit dem Auto herumfahren und Bruce Springsteen hören – das war mein Traum.“
Springsteen also. Das überrascht, weil man diese Kanzlerin nicht unbedingt mit Rock-Musik verbindet – und weil urplötzlich der Mensch auftaucht, wo viele nur noch ein Phantom vermuteten. Zuletzt konnte man den Eindruck gewinnen, sie habe sich nach 14 Jahren im Amt von den Deutschen – zumindest den Wählern – verabschiedet. Kein durchschlagendes Wort zur Thüringen-Wahl, keines zur Debatte um die Meinungsfreiheit, keine Ansage beim Streit um die Grundrente.
Jetzt ist auf „Spiegel online“ ein Interview mit der 65-Jährigen erschienen, was nach dem langen Schweigen an sich schon eine Nachricht ist. Es wurde vor einigen Tagen mit Blick auf das Mauerfall-Jubiläum am 9. November geführt und streift nicht jedes tagespolitische Thema. Dafür ist es ein persönliches und in Teilen offenes Gespräch.
35 Jahre war Merkel alt, als die Mauer fiel. Dass seither einiges schiefgelaufen ist im Verhältnis zwischen Ost und West, bestreitet die Kanzlerin nicht. Noch heute gebe es zu wenige ostdeutsche Führungskräfte in Politik und Wirtschaft, sagt sie. Aber: „Für mich ist und bleibt der 9. November 1989 ein Glücksmoment in der deutschen Geschichte.“ Die erträumte Freiheit war plötzlich ganz real. Helmut Kohl sei Dank, sagt der Westen. Der Westen hatte seinen Anteil, sagt Merkel. Aber „geschafft haben das die DDR-Bürger mit einer ganzen Menge Mut“. Das müsse noch stärker gewürdigt werden.
Grundsätzlich fordert die Kanzlerin einen neuen Blick auf das Leben in der DDR. Die Menschen im Westen verstünden bis heute nicht, „dass es auch in einer Diktatur gelungenes Leben geben konnte“. Bei manchen Ostdeutschen setze deshalb eine Art Romantisierung ein „nach dem Motto: Unser Leben in der DDR kann uns niemand nehmen“.
In der Tatsache, dass ausgerechnet die Kanzlerin den Osten erklärt, liegt eine gewisse Ironie. Nirgendwo ist die Merkel-Allergie größer, nirgendwo hat die AfD – auch deshalb – so großen Zuspruch. Für die Enttäuschung mancher Menschen zeigt sie zwar ein gewisses Verständnis, zieht aber auch Grenzen. Aus Unzufriedenheit folge „kein Recht auf Hass und Verachtung für andere Menschen oder gar Gewalt“, sagt sie.
Das ist mindestens eine halbe Anspielung auf die AfD und ihren Erfolg in den neuen Ländern. Nun sind die Rechtspopulisten vor allem in Reaktion auf Merkels Politik groß geworden, was sie nicht bestreitet. „Wir leben in Freiheit, die Menschen können sich entsprechend äußern und wählen“, sagt sie. „Was aus meiner Sicht gar nicht geht: Wenn Menschen mit westdeutscher Biografie (zum Beispiel Björn Höcke, d. Red.) in den Osten gehen und da behaupten, unser Staat sei ja eigentlich nicht viel besser als die DDR. Da muss man hart dagegenhalten.“
Überhaupt vermisst die Kanzlerin ein „besseres innerdeutsches Gespräch“. Das ist für sie nicht nur nötig, sondern auch uneingeschränkt möglich, denn die Meinungsfreiheit, über die zuletzt viel debattiert wurde, sieht sie nicht in Gefahr. Dass ein Mainstream der Meinungsfreiheit Grenzen setze, stimme einfach nicht. Aber: „Man muss damit rechnen, Gegenwind und gepfefferte Gegenargumente zu bekommen. Meinungsfreiheit schließt Widerspruchsfreiheit ein.“
Vielleicht kann man sich darauf einigen: Der Osten lernt vom Westen, Widerspruch zu ertragen, der Westen vom Osten, mutig zu sein. Oder, frei nach der Kanzlerin: Hauptsache, es wird gesprochen.