Budapest – Ungarn will sich an Wiederaufbau-Projekten der Türkei in dem von ihr besetzten Teil Nordsyriens beteiligen. „Die Türkei kann im Rahmen unserer Möglichkeiten mit unserer Unterstützung rechnen“, erklärte Ministerpräsident Viktor Orbán am Donnerstag auf der Pressekonferenz nach einem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Budapest.
Erdogan habe ihm die Pläne für den Wiederaufbau in der sogenannten Sicherheitszone gezeigt, sagte Orbán. Dabei handelt es sich um jenes Gebiet im umkämpften Nordsyrien, in das die Türkei am 9. Oktober mit Truppen einmarschiert ist, um die von ihr als Terrororganisation angesehene Kurdenmiliz YPG zu verdrängen. „Da sollen neue Städte, neue Dörfer, Schulen, Krankenhäuser, Kirchen aufgebaut werden“, sagte Orbán.
Ungarn hat – anders als die anderen EU-Mitglieder – den türkischen Einmarsch nicht kritisiert. EU-Institutionen weigern sich auch, Projekte in Nordsyrien zu finanzieren. Sie gehen davon aus, dass dort kurdische Bewohner verdrängt und arabisch-syrische Flüchtlinge aus der Türkei mehr oder weniger zwangsweise angesiedelt werden sollen.
Erdogan wiederholte auf der Pressekonferenz seine schon mehrfach vorgetragene Drohung, die Tore für rund 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge zu öffnen, sofern sich die Türkei mit der Europäischen Union nicht auf eine Lastenübernahme einigen kann. „Und wenn wir die Tore öffnen, ist ja ohnehin bekannt, wohin sie gehen werden“, führte er weiter aus.
Orbán pflegt zu Erdogan ein freundschaftliches Verhältnis. Seit 2018 ist Ungarn auch im Rat der turksprachigen Völker mit Beobachterstatus vertreten, obwohl es weder sprachliche noch kulturelle Beziehungen zur Region der Turkvölker hat. In der Innenstadt von Budapest demonstrierten gestern allerdings mehrere hundert Menschen gegen den Besuch Erdogans und für Solidarität mit den Kurden.