Madrid/Rom – Brennende Autos, vermummte Demonstranten, prügelnde Polizisten, Tränengas, Molotow-Cocktails. Eine wütende Menge verbrennt die spanische Flagge und Bilder des Königs. Auf den prächtigen Plätzen Barcelonas, wo sonst Touristen flanieren, bestimmen Krawall und Gewalt den Alltag. Seit der höchstrichterlichen Verurteilung ihrer wichtigsten Vertreter vor wenigen Wochen legen die radikalen Separatisten die Hafenmetropole und ihr Hinterland lahm. „An ein normales Leben ist hier im Moment nicht zu denken“, sagt eine deutsche Studentin in Barcelona. „Man muss aufpassen, nicht zwischen die Fronten zu geraten.“ Viele Einwohner sind genervt. Glaubt man Umfragen, hat eine Mehrheit der in der autonomen Region lebenden Bürger die Proteste gründlich satt.
Die Bilder verstören auch viele Wähler im übrigen Spanien, die am Sonntag einmal mehr an die Urnen gerufen sind, um die „Cortes“, das spanische Unterhaus, zu bestimmen. Seit 2015, als der damalige konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy die absolute Mehrheit einbüßte und sich mit einer brüchigen Minderheitsregierung durchlavieren musste, gab es zwei weitere Wahlen. In keiner brachte eine der ehemals führenden Parteien – die konservative Partido Popular (PP) und die sozialdemokratische PSOE – eine Regierungsmehrheit zustande; nicht mal mit Hilfe kleinerer Gruppen.
Spaniens traditionelle Parteienlandschaft spaltet sich rasend schnell auf. Ein Trend wie in anderen europäischen Ländern. Bedenklich: Davon profitieren – siehe Deutschland, Italien oder die Niederlande – meist extreme Kräfte. Auch in Spanien.
Tatsächlich haben die rechten Populisten der Partei „Vox“ einen starken Endspurt hingelegt; Demoskopen trauen ihnen einen Stimmanteil von 15 Prozent zu, das wäre eine Verdoppelung ihrer Sitze. Dass ihr Parteichef Santiago Abascal laut Umfragen als Sieger aus dem TV-Duell der fünf Spitzenkandidaten hervorging, könnte zusätzlich Wasser auf die Mühlen der neuen Rechten sein.
Im Mittelpunkt der Debatte stand die Katalonien-Krise. Vor allem Premier Pedro Sanchez steht unter Rechtfertigungsdruck: Viele Wähler werfen seinen Sozialisten einen zu weichen Kurs gegen die Separatisten vor. Das Wiederaufflammen des Konflikts hat ihn in die Defensive gebracht. Ein Bündnis mit der linken Unidos Podemos lehnt er daher kategorisch ab. Deren Chef Pablo Iglesias fordert Verhandlungen über die Unabhängigkeit der Region.
Die Karriere von Sanchez gleicht einer Achterbahnfahrt. 2014 tauchte der Wirtschaftswissenschaftler aus Madrid überraschend auf der großen politischen Bühne auf – als Chef der ältesten politischen Partei des Landes. Dem Höhenflug folgte zwei Jahre später ein jäher Absturz: Nach den Wahlniederlagen der Sozialisten 2015 und 2016 musste er den Posten des Parteichefs räumen und galt als politisch erledigt. Doch Sanchez kam zurück – und hatte bald seinen Job wieder. Als der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy im Juni vergangenen Jahres über ein Misstrauensvotum stürzte, übernahm Sanchez das Amt. Seither geht es auf und ab.
Die PP kann von der Schwäche der PSOE kaum profitieren: Trotz ihres jungen Spitzenkandidaten Pablo Casado, der seiner altbackenen Partei ein modernes Image verpasst hat, stagnieren die Konservativen hinter den Sozialisten. Einen Absturz müssen die liberalen Reformer der „Ciudadanos“ von Senkrechtstarter Alberto Rivera befürchten. Die führende Tageszeitung „El Pais“ spekuliert bereits über ein mögliches Rechtsbündnis aus PP, Vox und Ciudadanos. Doch auch diese Koalition wäre nach Stand der Dinge auf die Hilfe von Splittergruppen oder Regionalparteien angewiesen. (mit afp)