Die Sozialdemokratie entdeckt das Duell

von Redaktion

Ende des Monats verkündet die SPD, wer neuer Parteichef wird – Langsam fahren die Kandidaten die Ellbogen aus

Berlin – Fast ein halbes Jahr sucht Deutschlands älteste Partei einen neuen Chef, beim Wähler liegt sie völlig am Boden – und trotzdem leistete sich die SPD zuletzt ein ziemlich zähes Schaulaufen. Erst wollte kaum jemand Parteivorsitzender werden, dann streichelte man auf 23 Konferenzen die Seele der Sozialdemokratie. Der erhoffte Aufbruch aber, der Biss, der fehlte. Jetzt geht es in knapp einer Woche in die Stichwahl – und die SPD entdeckt den Duellmodus.

Endlich wird gepflegt gestritten. Das erste Wortgefecht liefern sich die zwei übrig gebliebenen Kandidatenpaare ausgerechnet unter den Augen des bronzenen Willy Brandt in der Berliner Parteizentrale. Ausgerechnet Vizekanzler Olaf Scholz, der sonst als hanseatisch wortkarg und trocken gilt, schaltet als erster auf Angriff. Als seine Konkurrentin Saskia Esken den Grundrenten-Kompromiss kritisiert, um den die Sozialdemokraten zuletzt so hart gerungen haben, fühlt sich Scholz persönlich angegriffen. Plötzlich kommt Zug in die Debatte, man fällt sich ins Wort, wird laut, ungehalten, auch polemisch.

Auf diese Emotionen haben sie lange gewartet in der SPD. Bisher war das Kandidatenrennen brav, geräuschlos sind vier Bewerberpaare ausgeschieden. Dabei geht es bei der Stichwahl ab Dienstag nicht nur um den Parteivorsitz, sondern um die Zukunft der Großen Koalition. Manche sehen sogar die Existenz der zuletzt bei Wahlen abgestürzten Partei auf dem Spiel.

In der entscheidenden Mitgliederabstimmung treten Vizekanzler Scholz und die Brandenburgerin Klara Geywitz gegen die Bundestagsabgeordnete Esken und den ehemaligen NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans an. Doch lange fragte man sich: Wofür steht welche Doppelspitze – und wohin will sie die SPD führen?

Es ist ja auch ein schmaler Grat, den die zwei Kandidatenpaare gehen: Wie grenzt man sich voneinander ab, ohne die Partei zu spalten? Esken und Scholz suchen nun die Offensive. Die Grundrente sei nur nötig, weil man vorher so viel falsch gemacht habe, sagt die Bundestagsabgeordnete. Der Staat habe die Menschen allein gelassen. Ihr Ton ist hart und unnachgiebig. Doch Scholz zeigt sich genauso angriffslustig: Er sehe nicht ein, dass immer alles kleingeredet werde. „Wenn die SPD was erreicht, muss sie auch stolz sein auf das, was sie macht.“ So kennt man den Finanzminister sonst nur hinter den Kulissen, wo Scholz sich durchaus mal aufregen kann.

Auch beim Thema Klimaschutz wird die Abgrenzung klar – und der Ton scharf. Esken und Walter-Borjans, die Kandidaten der Jusos und Linken, kritisieren den CO2-Preis als sozial ungerecht. Scholz kontert, sie seien schlecht informiert. Dazwischen steht Geywitz, die gelassener aussieht, aber kaum zu Wort kommt.

Scholz hat als Vizekanzler auch am meisten zu verlieren. Er macht keinen Hehl daraus, dass er gern Kanzlerkandidat wäre. Und er steht für die Regierungskoalition mit der Union, die in der SPD gerade wohl ähnlich viele Feinde wie Freunde hat. Der Parteitag Anfang Dezember soll schließlich entscheiden, ob die Sozialdemokraten rausgehen oder weitermachen. Die Wahl der neuen Doppelspitze gilt als Vorentscheidung. THERESA MÜNCH

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