Frontaler Gegenangriff

von Redaktion

Amtsenthebungs-Verfahren: Wie die US-Republikaner und Trump unbequeme Zeugen attackieren – Ein Fallbeispiel

Washington – Wer begreifen will, mit welcher Strategie – und mit welchen Mitteln – Donald Trump und die Republikaner im Amtsenthebungs-Verfahren agieren, muss sich nur den Zeugen Alexander Vindman ansehen. Vindman ist ein hochdekorierter Veteran der US-Armee und diente zuletzt als Ukraine-Experte im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses. Im Irak-Krieg überlebte der Lieutenant Colonel nur knapp eine Bombenattacke, noch heute trägt er Splitter im Körper. Bei seiner vierstündigen Anhörung vor dem Geheimdienst-Ausschuss des Repräsentantenhauses am Dienstag sitzen sein Bruder und seine Töchter hinter ihm – doch plötzlich muss sich Vindman Attacken ganz anderer Art gefallen lassen.

Zunächst hatten Getreue von Trump im Vorfeld der Anhörung Zweifel an der patriotischen Zuverlässigkeit von Vindman wecken wollen. Auslöser war dessen Aussage bei einer Anhörung hinter verschlossenen Türen, dass ihn das Telefonat von Trump mit dem ukrainischen Präsidenten am 25. Juli „alarmiert“ habe – weil er das von ihm live mitgehörte Gespräch so interpretierte, dass Trump die Zahlung von Militärhilfen von der Untersuchung seines Rivalen Joe Biden und dessen in der Ukraine tätigen Sohnes Hunter abhängig gemacht habe. Vindman gab seine Bedenken an Vorgesetzte weiter. Doch nun spürt der Ost-Experte, als Kind mit seinen Eltern aus der Ukraine in die USA emigriert, die gesammelte Wut der Konservativen.

Vor laufenden TV-Kameras will der Anwalt der Republikaner-Fraktion mehrfach von Vindman wissen, wie er auf das wiederholte Angebot der Ukraine reagiert habe, in dem Land der neue Verteidigungsminister zu werden. Vindman hatte dies abgelehnt und die Offerte sofort seinen Vorgesetzten gemeldet. Bei den Fragen schwingt jedoch immer wieder die Unterstellung mit, die Interessen Vindmans könnten womöglich nicht nur den USA gelten. Das stützt sich auch auf eine Sendung im Trump-freundlichen Sender „Fox News“, in dem letzten Monat sogar spekuliert worden war, Vindman sei ein „Spion“ für Kiew und ein „Doppelagent“, ein notorischer Trump-Hasser und eine „undichte Stelle“. Was das so anrüchige Trump-Telefonat angeht, dessen Inhalt nicht nur Vindman, sondern auch anderen Zeugen als „unangemessen“ auffiel, so muss sich Vindman von einem Abgeordneten der Republikaner sogar vorhalten lassen, offenbar „Dinge gesehen“ zu haben – also erfunden zu haben.

Der so unter Beschuss geratene Zeuge kämpft vor dem Kongress um seinen guten Ruf und verweist auf seine Treue zu den USA, während der konservative Radiomoderator Rush Limbaugh live behauptet: Vindman habe „null Glaubwürdigkeit“. Und noch während der Ukraine-Experte befragt wird, meldet sich Trump zu Wort. Wieder einmal nimmt er mit Vindman einen Zeugen ins Visier, so wie er es schon mit der Ex-Botschafterin in der Ukraine getan hat. Der vom Militärdienst zurückgestellte Trump lästert darüber, dass der Offizier bei seinem Auftritt Uniform getragen habe. Der Präsident behauptet zudem, Vindman nicht zu kennen – und spricht den Namen bewusst langsam falsch aus.

Dabei besteht an dessen Glaubwürdigkeit kein Zweifel. Vindmans Aussagen decken sich mit denen etlicher anderer Zeugen. Gestern untermauerte auch Gordon Sondland, der US-Botschafter bei der EU, die Vorwürfe gegen Trump. Es sei Druck auf die Ukraine ausgeübt worden, um Ermittlungen in die Wege zu leiten, die Joe Biden hätten schaden können.

Zeugen ohne faktische Basis als Lügner charakterisieren, dazu schonungslos wiederholte Charakter-Attacken live oder mit Hilfe sympathisierender Medien. Das ist das toxische Gebräu, das mittlerweile sogar manchen Anhängern Trumps zu weit geht. Man sollte sich etwas mäßigen, empfahl am Dienstagabend eine Moderatorin von „Fox News“. Doch im Kampf um die Meinungshoheit beim Impeachment sind die Handschuhe längst ausgezogen worden. F. DIEDERICHS

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