Brüssel – An Jean-Claude Juncker scheiden sich die Geister. Pünktlich zu seinem 65. Geburtstag (9. Dezember) verlässt der Luxemburger die europäische Bühne, die er 1989 – damals als Finanzminister des Großherzogtums – erstmals betreten hat und von der er nun nach fünf Jahren als Präsident der EU-Kommission endgültig Abschied nimmt. Mit ihm geht der letzte prominente „Überlebende“ unter den Staatsmännern, der im Amt Europa noch durch den Eisernen Vorhang getrennt und ohne Einheitswährung erlebt hat. Juncker gehört zu den „Vätern“ des Euro. Im Vergleich zu „Mister Europa“ verblasst sogar die gefühlt „ewige“ Amtszeit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. „Europa ist die große Liebe meines Lebens und wird es immer bleiben“, sagt er selbst über sein Lebenswerk.
Während viele Kritiker mit seinem Namen vor allem Jahre des Brüsseler Bürokratie-Wahnsinns, des Zentralismus’ und Machtanspruchs der EU verbinden, verteidigt sich der Christdemokrat damit, er habe persönlich nie „immer mehr“ Europa gewollt, sondern nur ein „besseres“. Zum Beleg führt er in seiner Bilanz als Kommissionspräsident an, dass in seiner Amtszeit die Zahl europäischer Gesetze und Verordnungen um 83 Prozent im Vergleich zu seinem Vorgänger Manuel Barroso zurückgegangen sei.
Zur Sternstunde seiner Präsidentschaft wurde ohne Zweifel sein Auftritt im Weißen Haus 2017, als er US-Präsident Donald Trump die Folgen eines Handelskriegs mit der Europäischen Union offenbar so eindrücklich schilderte, dass dieser von Strafzöllen auf Autos – zumindest bis jetzt – absah. Trumps Spitznamen „Tough Cookie“ (harter Hund) und „brutaler Killer“ brachte er als persönliche Trophäen stolz mit nach Hause. Diesen Erfolg bei Trump kann man wohl als Beispiel dafür sehen, was Juncker meint, wenn er von Europa fordert, es müsse „weltpolitikfähig“ werden.
Als Höhepunkte seiner Amtszeit sieht Juncker selbst das Pariser Klimaabkommen von 2015 und den 60. Geburtstag der EU in Rom 2017. Doch seine Ära prägen auch tiefe Schatten, der bevorstehende Abschied der Briten von der EU ist einer davon. Bei der Begrenzung der Binnen-Migration – einer Kernforderung Premier Camerons – war die EU zu keinen Zugeständnissen an die Briten bereit.
Auf der Sollseite seiner Bilanz steht aber auch die erneute tiefe Spaltung der EU durch die Migrationskrise seit 2015. Sein am grünen Tisch erdachter Verteilungsplan für Flüchtlinge fiel vor allem in den osteuropäischen Ländern glatt durch und trug erheblich mit zum Aufstieg der Populisten und Euro-Gegner bei – Junckers größten Feinden in der Union.
Zum Abschied teilte Juncker in einem Gastbeitrag für das Magazin „Politico“ noch einmal launige Anekdoten mit. So etwa, dass sein uraltes Nokia-Handy einst vom früheren französischen Präsidenten Jacques Chirac abgehört und er auf diese Weise bei einem Vier-Augen-Gespräch mit US-Präsident Bill Clinton belauscht wurde.
Ebenso wie sein schlitzohriger Humor wird auch sein Begrüßungsritual im europäischen Gedächtnis bleiben. Kein Staatsmann, und schon gar keine Frau, verließ ein Treffen mit Juncker ungeküsst. Ab Sonntag ist die Deutsche Ursula von der Leyen für das europäische Gefühlsleben zuständig. ALEXANDER WEBER