WIE ICH ES SEHE

Thanksgiving im zerstrittenen Land

von Redaktion

An diesem Wochenende beginnt mit dem ersten Advent der weihnachtliche Festkreis. Die Amerikaner haben am vergangenen Donnerstag schon ihr Fest gefeiert, das die Familien dort noch mehr zusammenführt, als selbst Weihnachten es tut. Geschätzte 46 Millionen Truthähne wurden dabei verspeist, mit Ausnahme des einen Truthahns, der traditionell im Weißen Haus „begnadigt“ wird und weiterleben darf.

Das erste Thanksgiving-Fest feierten die bei Cape Cod gelandeten Pilgerväter 1621 zusammen mit den benachbarten Indianern. Der Bericht weiß nichts von Meinungsverschiedenheiten bei dieser multikulturellen Party. Nur etwa die Hälfte der Neuankömmlinge hatte den ersten harten Winter überlebt. Es heißt, dass 1789 George Washington im ersten Jahr seiner Präsidentschaft offiziell zum Thanksgiving eingeladen hat. Abraham Lincoln legte „Thanksgiving“ auf den letzten Donnerstag im November, den gleichen Monat, in dem er seine berühmte „Gettysburg-Rede“ auf dem Schlachtfeld des blutigen Bürgerkrieges gehalten hat. Im gemeinsamen Familienmahl wollte er das tief gespaltene Land vereint sehen.

3150 Kalorien kommen bei einem typischen Thanksgiving-Essen auf den Tisch. Zu jedem Truthahn gehören Kürbiskuchen und Cranberrys, die amerikanische Version unserer Preiselbeeren. Auch ganz verstreut lebende Familien scheuen an diesem Tage nicht die weite Flugreise, um mit ihren Verwandten zusammen zu sein. Deswegen zählt die durchschnittliche Thanksgiving-Party mindestens elf Gäste.

Diesmal findet das Fest wie nach dem Bürgerkrieg wieder in einem tief gespaltenen Land statt. Zum Glück fließt kein Blut wie 1863, aber man befindet sich in der Mitte einer heißen Diskussion für oder gegen Trump und das laufende Amtsenthebungsverfahren. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Blau und Rot, Demokraten und Republikanern, spalten ganze Familien. Manchem graute schon vor den Ansichten des von weit her angereisten Vetters, den man der anderen Partei zuordnen muss.

Dass man in dieser Woche nicht zu viel von Streit beim Familienmahl gehört hat, mag auch an „Ratschlägen“ zu vorsichtiger Thanksgiving-Gesprächsführung liegen. Im Land, in dem immer nach praktischen Lösungen gesucht wird, gab es im Vorfeld jede Menge Empfehlungen zur Einlassung mit den Verwandten aus dem anderen Lager. Damit das gemeinsame Mahl Vertrauen und Verbindung stärken kann über politische und ideologische Gräben hinweg, sollten Reizwörter wie „Ukraine“ unbedingt vermieden werden. Ist es doch für einen Demokraten schon schwer zu ertragen, wenn ein ganz Fremder darlegt, wie sehr er Präsident Trump liebt. Wenn aber jemand aus der eigenen Verwandtschaft das tut, dann ist es vorbei mit dem Familienfrieden.

Gottlob steht nun in den USA, ebenso wie bei uns, Weihnachten vor der Tür. Möge das Fest der Versöhnung Gottes mit der Welt die Bürger der großen amerikanischen Demokratie mehr zusammenführen statt spalten. Möge auch uns wieder mehr bewusst werden, dass unsere besten Freunde dort leben, wo jetzt trotz Impeachment und bevorstehenden Wahlen doch ein friedliches Thanksgiving gefeiert wurde.

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VON DIRK IPPEN

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