London – Der Messeranschlag auf der London Bridge mit zwei Toten ist in Großbritannien zum Wahlkampfthema geworden. Premierminister Boris Johnson warf am Sonntag der früheren Labour-Regierung vor, sie sei schuld an der vorzeitigen Haftentlassung des Attentäters. Labour-Chef Jeremy Corbyn kritisierte dagegen den Sparkurs der Konservativen.
Der 28 Jahre alte Usman Khan hatte am Freitag zwei Menschen erstochen, bevor er auf der London Bridge von Zivilisten überwältigt und von der Polizei erschossen wurde. Er trug einen Sprengstoffgürtel, der sich später als Attrappe herausstellte. Der wegen Anschlagsplänen verurteilte Terrorist war vor einem Jahr auf Bewährung routinemäßig vorzeitig entlassen worden. Drei weitere Menschen, ein Mann und zwei Frauen, wurden bei dem Angriff verletzt. In Lebensgefahr schwebte am Sonntag aber niemand mehr.
Viel Lob gab es für die Zivilisten, die Khan mit improvisierten Waffen oder sogar bloßen Händen angingen. Ein polnischer Koch, der dem Attentäter Berichten zufolge mit einem Narwal-Stoßzahn auf den Leib rückte, soll nach dem Willen des polnischen Justizministers Zbigniew Ziobro eine Medaille für Zivilcourage und Opferbereitschaft erhalten. „Gegen den Terrorismus ist jede Waffe erlaubt“, kommentierte Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki auf Facebook. „Polen ist stolz auf Sie.“
Ein anderer Mann sprühte dem Terroristen mit einem Feuerlöscher ins Gesicht, ein Dritter ging unbewaffnet auf ihn los, wie auf Videos im Internet zu sehen war. Begonnen hatte die Terrorattacke der Polizei zufolge kurz vor 14 Uhr in der Fishmonger’s Hall, der alten Gilde-Halle der Londoner Fischhändler. Der Attentäter nahm dort an einer Konferenz über Resozialisierung der Universität Cambridge mit dem Titel „Learning Together“ (Gemeinsam lernen) teil. Beide Todesopfer waren an dem Programm beteiligt. Der Angriff endete nur wenige Minuten später auf der nahen London Bridge.
Dass es nicht zu weiteren Todesopfern kam, ist wohl vor allem dem beherzten Eingreifen von anderen Konferenzteilnehmern und Passanten zu verdanken. Gemeinsam soll es ihnen gelungen sein, dem Attentäter zwei Messer zu entwinden, die er mit Klebeband an seinen Händen befestigt hatte. Königin Elizabeth II. dankte Polizei und Rettungskräften und den „mutigen Personen“, die „ihre eigenen Leben aufs Spiel gesetzt haben, um anderen selbstlos zu helfen und sie zu schützen“.
Für große Diskussionen sorgte nach dem Angriff die Frage, wie ein verurteilter Terrorist einen Anschlag durchführen konnte. Regierungschef Johnson schob die Verantwortung auf Labour ab. Die Freilassung Khans sei aufgrund von Gesetzesänderungen möglich gewesen, „die von der Labour-Partei vollzogen wurden“, sagte Johnson. Der Premierminister kündigte zugleich eine härtere Gangart gegen Schwer- und Sexualverbrecher sowie Terroristen an.
Oppositionsführer Corbyn machte dagegen die Sparpolitik der Regierung für den Anschlag verantwortlich. „Man kann nicht zum Billigtarif für die Sicherheit der Leute garantieren“, so der Labour-Chef. dpa