München – Auf diese Rede haben sie alle gewartet und als es so weit ist, sind viele Zuhörer in Braunschweig baff. Hinterm Rednerpult steht zwar unverkennbar Gottfried Curio, 59, aber irgendwie auch wieder nicht. Der Scharfmacher aus dem Bundestag, der verschleierte Frauen mal einen „schwarzen Sack, der spricht“ nannte, wirkt an diesem Samstag brav, fast harmlos. Die AfD müsse sich als „pragmatische Partei“ positionieren, sagt er. Schließlich sei man „die neue Mitte“.
Curio, die Mitte? Das passt nicht so recht zusammen. Womöglich erlebt er deshalb wenig später seinen Friedrich-Merz-Moment und verliert die Stichwahl zum Parteivorsitzenden knapp gegen den Sachsen Tino Chrupalla, 44. Andererseits passt Curio damit ins Bild, das die AfD bei diesem Bundesparteitag von sich zeichnet. Auch Chrupalla sagt in seiner Rede, die bürgerliche Mitte erreiche man nur mit Vernunft. „Mit drastischer Sprache bewirkt man häufig das Gegenteil – besonders bei den Frauen.“
Viele Beobachter hatten ein Chaos wie 2017 erwartet, als die äußerst rechte Doris zu Sayn-Wittgenstein nach einer aufrüttelnden Rede beinahe Parteichefin geworden wäre. Um sie zu verhindern, schritt Alexander Gauland ein und wurde Co-Chef neben Jörg Meuthen, 58. Auch diesmal hatte der inzwischen 78-Jährige eine Not-Kandidatur offen gelassen. Aber der Plan, Chrupalla als Nachfolger zu installieren, ging auf.
Ihm wird Meuthen zur Seite stehen, der mit 69,2-Prozent ein besseres Ergebnis erzielte, als viele vermuteten. Der Co-Chef ist es auch, der in seiner Rede die Linien für die kommenden Monate vorgibt. Die AfD müsse sich weiter professionalisieren, sagt er. „Wir müssen nun regierungswillig und -fähig werden. Das ist uns aufgetragen.“
So klar ist der angestrebte Wandel von der Wut- zur Regierungspartei bisher nicht formuliert worden, aber die Zeichen deuten längst in diese Richtung. Spätestens seit den erfolgreichen Wahlen im Osten versucht die AfD, sich nach außen als „bürgerlich“ zu verkaufen, auch wenn der Verfassungsschutz ihr noch immer im Nacken sitzt. Immerhin scheint es, als hätten zumindest jene in der Partei keine Chance, die ihre Radikalität allzu offen zeigen. Als Wolfgang Gedeon ans Mikro geht, ertönen Pfiffe, manche verlassen den Saal. Gedeon gilt als Antisemit. Er tritt gegen Meuthen an, nur 22 Delegierte wählen ihn.
Natürlich gibt es sie, die schrägen Zwischentöne. Der Bundestagsabgeordnete Thomas Seitz nennt die jüngsten Entscheidungen des Schiedsgerichts, etwa den Rauswurf von Doris zu Sayn-Wittgenstein, „Nordkorea pur“. Seitz gehört dem völkischen „Flügel“ um den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke an. Der hatte noch Mitte des Jahres so etwas wie einen Putsch angekündigt. Doch als ihn ein Delegierter – einer seiner Gegner – zur Kandidatur auffordert, widersteht er. Die „Flügel“-Revolte fällt aus.
Zumindest oberflächlich. Denn dass in Braunschweig vieles nach Waffenstillstand zwischen Radikalen und eher Gemäßigten riecht, liegt auch daran, dass der „Flügel“ seine Kandidaten ohne großes Brimborium unterbringt. Alice Weidel, Beatrix von Storch und Stephan Brandner werden auf die Stellvertreter-Posten gewählt. Der Niederbayern Stephan Protschka, der wegen der Spende für einen umstrittenen Gedenkstein in Polen von Historikern zum Rücktritt aufgefordert wurde, fällt bei der Vize-Wahl durch, wird aber Beisitzer.
Auch Chrupalla, der Malermeister aus Sachsen, hatte die Unterstützung des „Flügels“. Er wird nun als Chef die Rolle Gaulands übernehmen müssen und zwischen den beiden Lagern vermitteln. Ein Balanceakt, der viel Fingerspitzengefühl erfordert.
Gegen 18.30 Uhr werden am Samstag plötzlich aufgeregt Smartphones durch die Reihen gereicht. Die SPD hat gerade ihre neue Parteispitze bekannt gegeben, in Braunschweig halten viele das für ein gutes Zeichen. Die GroKo, glaubt man, gehe ihrem Ende zu. Gibt es Neuwahlen? Wird das mit der Regierungsfähigkeit schneller nötig als gedacht? Alexander Gauland formuliert es so: „Wenn Grüne, Rote und Dunkelrote zusammengehen, wird der Tag kommen, an dem die geschwächte CDU nur noch eine Option hat: uns.“ mit dpa