Paris – Der Blick in den Metro-Tunnel verheißt nichts Gutes. Dunkel ist er. Die Lichter eines einfahrenden Zuges: Fehlanzeige. Eine Handvoll Menschen steht verloren an der Bahnsteigkante. Schnell wird klar: Hier geht erst mal nichts mehr. Kurz darauf bestätigt es eine Durchsage: Der letzte Zug ist weg, der Bahnhof schließt. Eine Mitarbeiterin der Verkehrsbetriebe RATP lässt am Bahnhofseingang ein Gitter hinunter.
So oder ähnlich geht es gestern vielen Parisern. Die meisten Metrolinien werden nicht bedient, auf einigen rollt ab und an ein Zug. Nur die beiden vollautomatischen Linien fahren fast, als wäre nichts. Dabei herrscht Massenprotest. Frankreich legt die Arbeit nieder, Hunderttausende demonstrieren. Zu den Streiks haben die Gewerkschaften aufgerufen – sie betreffen viele Branchen: Justiz, öffentlicher Dienst, Schulen, Bahn, Energie. Der Nah- und Fernverkehr steht fast im ganzen Land still. Die geplante Rentenreform macht die Menschen wütend.
Seit einem Vierteljahrhundert versucht Frankreichs Politik, das Rentensystem zu reformieren. Spektakulär scheiterte 1995 Premierminister Alain Juppé. Eisenbahner, Postbeamte und andere Angestellte des öffentlichen Dienstes legten das Land wochenlang lahm, die Reform fiel aus. Viele befürchten, dass es nun wieder einen Streik wie damals geben könnte. In den Folgejahren gab es Änderungen, doch keine grundlegende Reform.
Präsident Emmanuel Macron hat sich diese nun zur Aufgabe gemacht – und es dürfte eine wahre Bewährungsprobe werden. Nach den „Gelbwesten“-Protesten ist das Klima aufgeheizt. Die Proteste richteten sich direkt gegen den Präsidenten und seine als abgehoben empfundene Politik. Kaum ist diese Krise einigermaßen überstanden, könnte die geplante Reform zur nächsten Nagelprobe werden.
Macrons Pläne für das zersplitterte Rentensystem klingen erst mal nicht schlecht: Gerechter soll es werden, einfacher, solidarischer. Doch die Franzosen trauen dem Präsidenten nicht. Eine Mehrheit unterstützt Umfragen zufolge die Streiks. „Wir werden länger arbeiten“, sagt Philippe Martinez, Generalsekretär der Gewerkschaft CGT. Damit spricht er eine der zentralen Sorgen aus. Außerdem würde sich die Ungleichheit verschärfen und die Renten würden sinken.
Und so drängen sich gestern Tausende in den Straßen von Paris, schwenken Fahnen und halten Plakate in die Höhe. Auch einige „Gelbwesten“ haben sich unter sie gemischt; die Stimmung ist angespannt. Am Nachmittag kommt es zu ersten Ausschreitungen. Fahrzeuge gehen in Flammen auf, und Vermummte schlagen Scheiben ein.
Randalierer versammeln sich am Nachmittag vor allem auf der Place de la République im Zentrum der Stadt. Die Polizei nimmt bis 15.30 Uhr 31 Menschen fest und kontrolliert mehr als 9000. Auch im westfranzösischen Nantes kommt es Berichten zufolge zu Ausschreitungen. Die Behörden waren im Vorfeld bereits von Krawallen ausgegangen. 6000 Sicherheitskräfte waren im Einsatz.