Berlin/München – Am Ende ihrer Rede wird Saskia Esken ein wenig pathetisch. „Hört ihr die Signale? Die neue Zeit, sie ruft.“ Die Delegierten auf dem Parteitag scheinen etwas zu hören. Jedenfalls klatschen sie freudig. „Wir gehen nach vorne, wir kehren nicht mehr um, wir blicken auch nicht mehr zurück“, ruft Esken. „Wir gehen nach vorne in die neue Zeit.“
Die neue Zeit, sie beginnt für Norbert Walter-Borjans um 14.52 Uhr deutlich besser als für Esken. Mit 89,2 Prozent bekommt der ehemalige Finanzminister von Nordrhein-Westfalen ein wesentlich besseres Ergebnis als seine Kollegin. 116 Delegierte stimmen gegen sie, 31 enthalten sich. Das macht 75,9 Prozent Zustimmung, ohne Gegenkandidatin. Auf diesem Parteitag, der sich so um Harmonie bemüht, ist diese Zahl eine Erinnerung, wie sehr es unter der Oberfläche brodelt. Noch während die beiden mit hochgereckten Daumen für die Kameras posieren, gratuliert CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer via Twitter. „Es gibt viel zu tun. Dafür braucht es das klare Bekenntnis zum gemeinsamen Auftrag. Wir sind dazu bereit.“ Es schwingt viel Skepsis mit in diesen Worten.
Klar ist: Die SPD rückt mit diesem Parteitag ein gutes Stück nach links, auch wenn sie das in der Partei nicht gerne hören. Walter-Borjans stellt die schwarze Null und gleich dazu die Schuldenbremse infrage. „Wer Umverteilung für Teufelszeug hält, der sollte wenigstens anerkennen, dass es Umverteilung in diesem Land schon seit Langem gibt, nur nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben.“ Linken-Chef Bernd Riexinger sagt, der Kursschwenk sei „großartig und gut für das Land“. Oskar Lafontaine träumt von einer Fusion der SPD mit der Linkspartei.
Doch die Frage der Fragen schieben die Genossen weiter vor sich her. Ausführlich debattieren sie am Freitagnachmittag den Fortbestand der Koalition. Parteilinke plädieren für den Austritt, diverse Minister für den Verbleib. Besonders kämpferisch tritt ausgerechnet Finanzminister Olaf Scholz auf, der in der Urwahl verloren hatte.
Die neue Spitze klingt anders, wenn auch nicht so radikal wie vor Wochen. „Ich war und ich bin skeptisch, was die Zukunft dieser Großen Koalition angeht“, sagt Saskia Esken. Dass der Leitantrag nun neue Gespräche mit der Union vorsieht, gebe dem Bündnis eine „realistische Chance auf eine Fortsetzung“ – „nicht mehr, aber auch nicht weniger“. Noch Ende Oktober hatte sie auf die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft erklärt: „Ich sehe da eigentlich keine Chance.“
Gleiches gilt für Kevin Kühnert, seit Jahren das prominenteste Gesicht der GroKo-Gegner: „Ich nehme nicht wahr, dass irgendjemand in der sozialdemokratischen Partei eine Oppositionssehnsucht in sich trägt“, sagt er plötzlich. Auch er unterstützt den Leitantrag, der Gespräche des neuen Führungsduos mit der Union fordert. Beide wüssten, mit welcher Botschaft sie gewählt worden seien. „Diese Botschaft war: kein ,Weiter so‘ – kein ,Weiter so‘ im Inhalt an manchen Stellen, kein ,Weiter so‘ im Stil und in der Form, wie Kompromisse zustande kommen.“
Vier Ex-Vorsitzende sind in Berlin anwesend. Rudolf Scharping, Martin Schulz, Kurt Beck, Franz Müntefering. Die SPD hat einen hohen Chef-Verschleiß. Andrea Nahles, die im Frühjahr zermürbt und beleidigt von der internen Kritik zurücktrat und seitdem privatisiert, ist nicht gekommen. In Berlin bekommt sie an diesem Freitag von vielen Rednern so viel Lob, dass man sich fragt, wieso sie nicht mehr da vorne steht.
Auch Sigmar Gabriel fehlt. Für ihn ist das wohl besser. Am Freitag hat er sich per Zeitungsbeitrag gemeldet, wie so oft mit Kritik an seinen Nachfolgern und Ratschlägen, wie die SPD weitermachen soll. „Wir brauchen keine Leute, die breitbeinig durch Berlin laufen und alles wissen“, sagt der alte und neue Generalsekretär Lars Klingbeil unter starkem Beifall dazu. Mit Gabriel ist die neue SPD fertig.