Berlin/München – Es scheinen aufwühlende Stunden gewesen zu sein. Jedenfalls ist der sonst ein wenig behäbige Hubertus Heil am Freitagnachmittag ziemlich kämpferisch aufgelegt. „Es wäre idiotisch, jetzt aus der Koalition auszutreten“, ruft der Arbeitsminister den Delegierten zu und gibt die Marschroute vor: „In dieser Koalition rausholen, was rauszuholen ist. Den Rest regeln wir im Wahlkampf. Da müssen wir die Schwarzen plattmachen.“ Der Minister kämpft offenbar auch um die Stimmen derer, die ihn gerne bald als Ex-Minister sähen.
Beinahe wäre es zu einer folgenschweren Kampfkandidatur um den dritten Vize-Posten gekommen: GroKo-Minister Heil gegen GroKo-Gegner Kevin Kühnert. Und der 30-jährige einflussreiche Chef der Jusos, die viele Delegierte auf dem Parteitag stellen, hätte beste Chancen gehabt. Nach Olaf Scholz wäre damit das zweite GroKo-Schwergewicht beschädigt gewesen.
Fieberhaft wurde deshalb hinter den Kulissen überlegt, wie man die Eskalation verhindern könnte. Die Lösung: Plötzlich ist die geplante Verkleinerung des Vorstands nicht mehr so wichtig. Künftig gibt es fünf statt der geplanten drei Stellvertreter. Platz für Kühnert und Heil.
Es läuft nach Plan, beide werden gewählt. Allerdings mit den schlechtesten Ergebnissen aller Bewerber. Heil bekommt 70 Prozent der Stimmen, Kühnert mit 70,4 Prozent etwas mehr. Da schneiden Klara Geywitz, (76,8 Prozent) und die saarländische SPD-Chefin Anke Rehlinger (74,8) deutlich stärker ab. Das beste Ergebnis holt Schleswig-Holsteins Landeschefin Serpil Midyatli (79,8).
Kühnerts Abschneiden überrascht dann doch ein wenig, denn seine Rede gehört zu den meistgefeierten des Tages. „Wenn ihr mich wählt, bekommt ihr den Kevin Kühnert, den ihr kennengelernt habt“, ruft er in den Saal. Das fürchtet auch Vizekanzler Olaf Scholz, der aber brav applaudiert. Etwa als Kühnert, auf Helmut Schmidt anspielend, sagt, man solle mit seinen Visionen ruhig zum Arzt gehen – und allen anderen von ihnen erzählen.
Aber die Kühnerts haben das Ruder nicht ganz übernommen. Neben Heil und Geywitz sitzt mit Lars Klingbeil ein dritter GroKo-Verfechter im Vorstand. Der Parteitag bestätigt ihn mit 79,93 Prozent als Generalsekretär. Er erinnert an die „Millionen von Menschen“, die die SPD bräuchten – und ergänzt angriffslustig: „Die AKKs und Habecks, die hören denen nicht zu.“ M. SCHIER, M. MÄCKLER