Griechenland blutet aus

von Redaktion

Die Eurokrise hat Griechenland ins Wanken gebracht, nicht nur wirtschaftlich. Auch die Bevölkerungszahlen sinken seit 2010 kontinuierlich. Das Land blutet zunehmend aus.

VON FERRY BATZOGLOU

Nea Zichni/Athen – Immer, wenn Vaja Koutourlis, 83, mit ihrer Tochter im 635 Kilometer entfernten Athen telefoniert, verwendet sie einen Gutteil der Zeit darauf, ihr die Neuigkeiten aus dem Dorf mitzuteilen. Konkret heißt das: Vaja Koutourlis erzählt, wer diesmal verstorben ist. Fast immer ist es jemand in ihrem Alter.

In Nea Zichni, unweit der Grenze zu Bulgarien in einer fruchtbaren, weitläufigen Ebene gelegen, leben noch rund 1000 meist betagte Einwohner. Koutourlis ist hier geboren, lebte immer hier und verbringt nun hier ihren Lebensabend. Sie muss lange grübeln, bevor ihr einfällt, wann zuletzt eine Hochzeit gefeiert, eine Taufe, gar eine Geburt stattgefunden hat.

Nicht nur Nea Zichni, ganz Griechenland blutet aus. Wie das Statistikamt Elstat bekanntgab, erblickten 2018 in Griechenland nur 86 440 Babys das Licht der Welt, dafür starben 120 297 Menschen. Das entspricht einem Geburtendefizit von 33 857 Menschen. Auch in den beiden Metropolen Athen und Thessaloniki übertraf die Zahl der Sterbefälle die der Geburten deutlich. Ein besonders drastisches Geburtendefizit wiesen die nordgriechischen Städte Kilkis (473 Geburten, 1184 Sterbefälle) und Serres (942 Geburten, 2718 Sterbefälle) sowie die westgriechische Stadt Arta (385 Geburten, 1003 Sterbefälle) auf.

Ein landesweiter Geburtenüberschuss ist in Griechenland mit seinen 10,7 Millionen Einwohnern schon lange her. 2010 wurden 114 766 Menschen geboren, 109 084 verstarben – seither geht es mit den Geburten rapide abwärts. Die erschreckende Bilanz in Sachen Geburten versus Sterbefälle: In den acht Kalenderjahren von 2011 bis einschließlich 2018 wurden insgesamt 752 820 Menschen geboren, 938 058 starben.

Der Grund für den massiven Geburtenschwund: die desaströse Griechenlandkrise. Sie brach im Frühjahr 2010 mit geballter Wucht aus. Das Land manövrierte sich damals mit einem Beinahe-Staatsbankrott an den Rand des Abgrunds. Die jährliche Wirtschaftsleistung brach abrupt ein. Sie liegt immer noch um ein Viertel unter dem Vor-Krisen-Niveau – und wird wohl erst Anfang der 2030er Jahre wieder das Vor-Krisen-Niveau erreicht haben. Denn das Land rappelt sich nur langsam wieder auf.

Nur in zwei von 13 Regionen konnte 2018 ein leichter Geburtenüberschuss festgestellt werden – bezeichnenderweise in den Touristendestinationen in der Süd-Ägäis mit den Inselgruppen der Kykladen (unter anderem Santorin, Mykonos, Paros und Naxos) und den Dodekanes, zu denen Rhodos und Kos gehören, sowie auf Kreta. Dort spürte man von der Krise faktisch nichts.

So wundert es nicht, dass seit dem Krisenbeginn 2010 schätzungsweise rund eine halbe Million vor allem junge, gut ausgebildete Griechen ausgewandert sind, um ihr Glück woanders zu suchen. Und der Wegzug dauert an. Ungebremst. In Griechenland existiert zwar kein Einwohnermeldeamt. Wer auswandert, braucht sich folglich auch nicht abzumelden und wird so nicht erfasst. Doch es gibt belastbare Daten.

Einer Studie der Universität Oxford zufolge leben mittlerweile 75 000 Griechen allein in London, davon 10 135 Studenten. Tendenz: weiter steigend – dem Brexit-Referendum im Juni 2016 zum Trotz. Im Jahr 2011 waren es erst 35 000 Griechen.

Die Anfang Juli gewählte Athener Regierung unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis hat das Problem erkannt. Ab 1. Januar 2020 leistet der griechische Staat für jedes neugeborene Kind eine Einmalzahlung in Höhe von 2000 Euro. Im Staatshaushalt für das Jahr 2020 sind dafür insgesamt 123 Millionen Euro vorgesehen. Das würde für 61 500 Neugeborene reichen.

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