München – Es haftete ein Hauch von unfreiwilliger Komik an, als Saskia Esken vor zwei Wochen in einer Talkshow ihre frühere Tätigkeit im Landeselternbeirat Baden-Württemberg mit dem künftigen Job als SPD-Co-Vorsitzende verglich. Die eine Tätigkeit stellte sie als praxisnahe Vorbereitung auf die andere dar, denn bei beiden Organisationen handle es sich um einen „einigermaßen zerstrittenen Laden“. Auf die Sozialdemokraten mag das zutreffen. Im Falle des Elternbeirats ist es aber wohl eher noch eine Untertreibung.
Das ARD-Magazin „Kontraste“ hat am Donnerstag über Eskens Wirken in Stuttgart berichtet. Es scheint, als sei die Sozialdemokratin dort ähnlich robust aufgetreten, wie die Öffentlichkeit sie auch in den vergangenen Monaten erlebte. 2011 wurde sie in das Gremium gewählt, im folgenden Jahr stieg sie in den Vorstand auf. Dazwischen gab es einen Wechsel auf der Position des Vorsitzenden.
Christian Bucksch, bis 2011 an der Spitze, berichtet, dass das Betriebsklima nach seinem Abschied ungemütlich wurde. Der neue Vorstand – mit Esken – habe sich die Passwörter zu den Computern der Mitarbeiter geben lassen und E-Mail-Korrespondenzen durchstöbert. Die langjährige Büroleiterin wurde freigestellt und gedrängt, sich zwischen freiwilliger Kündigung und Aufhebungsvertrag zu entscheiden. Weil sie nach dessen Abschied Kontakt zum Ex-Vorsitzenden gehalten hatte, warf der Vorstand ihr Illoyalität vor. Dazu befragt, weist eine Arbeitsrechtlerin darauf hin, dass die sofortige Freistellung rechtswidrig gewesen sei. Auch die anschließende schriftliche Kündigung – die Esken persönlich in den Briefkasten geworfen haben soll – sei juristisch haltlos gewesen, unter anderem weil kein Kündigungsgrund vorlag und das Ausspähen von Computern nicht erlaubt war. Vor dem Arbeitsgericht zieht der Vorstand die Kündigung zurück. Die Frau wechselt auf eine Stelle im Kultusministerium.
Für die spätere Vorsitzende einer Partei, die sich als Vertreter der Arbeitnehmer versteht, ist dieses Vorgehen erstaunlich. Die „Kontraste“-Redaktion hätte Saskia Esken gerne persönlich befragt, doch sie sagt zwei Interviewtermine ab und reagiert nur schriftlich. Zweifel an der Richtigkeit ihres Vorgehens scheint sie aber nicht zu haben. Man habe den Landeselternbeirat damals „demokratisiert und zusammengeführt“, schreibt sie. „Dass das nicht allen gefallen hat und wir dabei auch auf Widerstände gestoßen sind, versteht sich eigentlich von selbst.“
Nicht überall wird das Vorgehen so nachsichtig bewertet. Der Arbeitsrechtler Peter Schüren, Professor an der Uni Münster, sagt, der Vorstand habe „ungefähr alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“. Die ganze Aktion sei „grob und herzlos“ gewesen, so könne man gerade älteren Arbeitnehmern gegenüber nicht auftreten: „Das müsste auch einem Laien klar sein.“ MARC BEYER