Lebkuchen trifft Ingwertee

von Redaktion

Fürs neue Jahr liegen große Themen auf dem Tisch der Koalition. Doch der erste Koalitionsausschuss in neuer Besetzung hat sie bestenfalls andiskutiert. Der schwarz-rote Zoff dürfte 2020 also weitergehen.

VON JÖRG BLANK, BASIL WEGENER UND MARCO HADEM

Berlin – Die neue Zeit beginnt für das SPD-Führungsduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans in der ungeliebten Großen Koalition mit ganz alten Rezepten für eine wohlig-warme Weihnachtszeit. CSU-Chef Markus Söder hat zum mit Spannung erwarteten Kennenlerntreffen der vier Parteivorsitzenden von CDU, CSU und SPD drei Schachteln Original Nürnberger Lebkuchen aus seiner Heimatstadt mitgebracht. Die neuen SPD-Chefs revanchieren sich mit Ingwertee – der ist bekannt dafür, dass er von innen wärmt.

Noch klingen die Worte von Esken nach ihrer Wahl auf dem SPD-Parteitag Anfang Dezember nach: „Wir sind Aufbruch, wir gehen in Richtung der neuen Zeit.“ Doch was heißt das – übersetzt in Regierungshandeln mit der Union? Gelingt es der Koalition nach den Turbulenzen des Jahres, sich 2020 noch einmal zu einem gemeinsamen Kurs aufzumachen? Oder bricht das Bündnis?

Zum 45-minütigen Speeddating – dem ersten Kennenlerntreffen von Esken und Walter-Borjans mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und Söder – haben sich die vier von der GroKo noch auf neutralem Boden verabredet: In der Parlamentarischen Gesellschaft. Dort sind Ende 2017 die später geplatzten Jamaika-Koalitionsverhandlungen von Union, FDP und Grünen geführt worden.

Söder frotzelt beim Eintreffen trocken: „Wir wollen ja vor Weihnachten einen guten Eindruck hinterlassen. Was könnte besser sein als Lebkuchen.“ Damit tatsächlich auch jeder den Hintersinn versteht, setzt er hinterher: „Ein paar schwarze Lebkuchen in roter Tüte – ich meine, das ist ein gutes Omen.“ Aber Söder sagt auch, er rechne nicht mit Festlegungen im Koalitionsausschuss. Gegen 20.15 Uhr, zum Ende der sich anschließenden ersten Beratungen des Koalitionsausschusses mit dem GroKo-kritischen SPD-Duo Esken und Walter-Borjans, gibt es dann wie erwartet tatsächlich keine greifbaren inhaltlichen Ergebnisse. Die Runde habe ganz allgemein diskutiert, heißt es von Teilnehmern des rund 90-minütigen Treffens hinterher, nach dem Motto: Was steht überhaupt an? Über Außenpolitik sei gesprochen worden, über einen möglichen Autogipfel und solche Themen.

Auf ein gemeinsames Statement vor den Kameras kann sich die Runde nicht einigen. Zuviel Nähe zu den beiden neuen Vorsitzenden der Sozialdemokraten, die noch vor dem SPD-Parteitag gerne den Eindruck erweckt hatten, sie würden lieber heute als morgen aus der Großen Koalition aussteigen, wollen die Unions-Spitzenleute an diesem Abend vor dem Kanzleramt dann wohl doch nicht zeigen.

Die Aufgaben für die Koalition sind enorm. Bis Ende Januar will der britische Premierminister Boris Johnson sein Land aus der EU führen. Im zweiten Halbjahr 2020 übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Rechtzeitig muss dafür das Arbeitsprogramm festgezurrt sein. Als erster Kontinent will Europa bis 2050 klimaneutral sein – mit Hilfe riesiger Investitionen. Muss Deutschland mehr beitragen?

Fast überschaubar erscheinen da die innenpolitischen Vorhaben. Beispiel Kohle: Bis spätestens 2038 soll Deutschland aus der klimaschädlichen Kohleverstromung aussteigen. Beispiel Rente: Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will den Kompromiss zur Grundrente umsetzen. Im März soll die Rentenkommission Vorschläge für die künftige Altersvorsorge machen.

Am Ende der Koalitionsrunde, bevor Merkel und Söder zum sogenannten Kamingespräch mit den Ministerpräsidenten vor der letzten Sitzung des Bundesrats in diesem Jahr eilen, verschicken die Koalitionäre lediglich ein dürres Drei-Satz-Statement. „Der Koalitionsausschuss hat sich in guter Gesprächsatmosphäre über die anstehenden innen- und außenpolitischen Fragen ausgetauscht“, heißt es darin. „Es wurde vereinbart, dass der Koalitionsausschuss sich regelmäßig trifft. Das nächste Treffen ist für Ende Januar geplant.“

Das klingt kühl und nicht gerade nach neuer vorweihnachtlicher Harmonie. Und auch nicht so, als ob in der Koalition nun die neue Zeit anbricht.

Artikel 1 von 11