Rom/Tripolis – Der blutige Bürgerkrieg in Libyen hat eine neue Wendung erfahren. Die Türkei hat damit begonnen, Panzer, schweres Gerät und Truppen in den Wüstenstaat zu verlegen. In der Küstenstadt Misrata legten dazu mehrere türkische Kriegsschiffe an und begannen mit der Entladung. Dies zeigen zumindest Videoaufnahmen, die von der international anerkannten, aber durch die Belagerung isolierten Übergangsregierung in Tripolis verbreitet wurden.
Damit macht Ankara seine Drohung wahr, die Einnahme der Hauptstadt durch die Milizen des Generals Chalifa Haftar um jeden Preis verhindern zu wollen. Da der Kriegsherr jedoch in erheblichem Ausmaß von russischen Söldnern und Waffen unterstützt wird, droht an der Mittelmeersüdküste – so die Befürchtung westlicher Diplomaten – ein offener Krieg zwischen Moskau und dem Nato-Partner Türkei.
Die militärische Lage der Regierung unter Premier Fayez Al-Sarraj gilt als dramatisch. Tripolis ist seit neun Monaten von den Truppen Haftars, der die Gegenregierung von Bengasi anführt, eingekesselt. Neben Russland werden seine Milizen von einer arabischen Koalition aus Ägypten, Saudi-Arabien und den Emiraten ausgerüstet und finanziert. Nach Erkenntnissen aus Nato-Staaten sollen sie imstande sein, jederzeit zum Sturm auf Tripolis anzusetzen.
Der EU macht Sarraj in einem Interview mit dem „Corriere della Sera“ heftige Vorwürfe: „Wir stehen unter militärischer Attacke, die Zivilbevölkerung leidet unter Bombardements und Beschuss; wir haben tausende Tote, Verletzte und Obdachlose.“ Die militärische Hilfe des türkischen Machthabers Erdogan verteidigt der Regierungschef. „Wir haben viele Länder um Waffen zu unserer Verteidigung gebeten. Aus Rom und Europa haben wir auf unser Gesuch nicht mal eine Antwort erhalten.“ Die Mission des italienischen Außenministers Luigi Di Maio vor wenigen Tagen hält er dagegen für gescheitert. „Er ist aus Bengasi und Tobruk mit leeren Händen zurückgekehrt.“
Die Aussichten für die im Januar geplante Friedenskonferenz sieht der Premier aus Tripolis düster: „Das Problem ist, unsere Gegner glauben an die militärische Lösung.“
INGO-MICHAEL FETH